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Gerhardt´s Gasthaus

Eine Aufnahme aus dem Jahr 1948: „Gerhardt´s Gasthaus“ und das Gasthaus „Zur Börse“ lagen direkt nebeneinander. Foto: Privatbesitz

Das Haus Königstraße 3 diente seit spätestens Anfang der 1890er Jahre als Gastwirtschaft oder Logierhaus. Über fast fünf Jahrzehnte befand sich hier, einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt, „Gerhardt´s Gasthaus“. Heute begrüßt dort das Irish-Pub Broderick einheimische und durchreisende Gäste.

1893 ist zu dieser Adresse ein Gastwirt namens Wilhelm Eggers gemeldet. Eggers betrieb dort auch eine Badeanstalt. Direkt nebenan luden die Gastwirte Alexander Großmann der Ältere (Hausnummer 1) und Hermann Kelting („Zur Börse“, Hausnummer 5) zu sich ein.

Mit der Witwe Margarethe Hagen, die auf Eggers folgte, ist 1903 die erste Frau bezeugt, die in der Königstraße 3 eine Schankwirtschaft führte. Gemeldet war dort auch der „Elmshorner Lohndiener-Verein“, eine Interessenvertretung für Angestellte im Gaststättengewerbe. Ob die Lohndiener ihren Sold direkt bei Margarethe Hagen in Flüssiges verwandelten, ist nicht überliefert.

1911 betrieb die Schankwirtschaft der hauptberufliche Installateur Georg Hagen im Nebenerwerb. Auch war dort Josef Hartmanns Frühstücklokal untergebracht. Im Untergeschoss hatte Thies Lau eine Grünwarenhandlung und verkaufte Fisch.

Erste Adresse am Platz war das Hotel Holsteinischer Hof von Gustav Holsten, auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Alle Lokalitäten waren gut besucht, da der Fußgängerverkehr zwischen Bahnhof und Innenstadt ständig neue Gäste brachte.

Thies Lau handelte Anfang des 20. Jahrhunderts im Untergeschoss der Königstraße 3 mit Grünwaren (Gemüse), auch Anchovis und sonstige Fische waren bei ihm zu haben. Foto: Privatbesitz

Eine Kontinuität kam schließlich mit „Gerhardt´s Gasthaus“ auf, das über drei Generationen hinweg von der Familie Gerhardt geführt wurde. Ab 1921 und bis in die 1960er Jahre hinein betrieben sie unter ihrem Familiennamen eine Schankwirtschaft.

Gerhardt´s Gasthaus: die Anfangsjahre

Erfahrungen im hauswirtschaftlichen Gewerbe brachte Pauline Gerhardt (*1857 +1940), Urgroßmutter des ehemaligen Fotografen der Elmshorner Nachrichten, Ernst-Gerhardt Scholz (*1936), nach Elmshorn mit.

Pauline Gerhardt, geborene Scharfenberg, wurde am 23.7.1857 zu Rastorfer-Passau bei Preetz in Holstein geboren. Nachdem sie einige Jahre ihre Eltern in der Landwirtschaft unterstützt hatte, ging sie 1875 als „Hausgehilfin“ nach Kiel. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann, den Kieler Malermeister Ernst Gerhardt (* 1865 +1931) kennen, 1884 heirateten die beiden.

Um sich eine gemeinsame Existenz aufzubauen, kaufte das Ehepaar im Jahr 1902 in Elmshorn, Bauerweg 4 (Ecke Panjestraße), ein Grundstück, auf dem sich bereits eine Gaststätte befand. Diese führten sie bis 1909. Von 1909 bis 1920 bewirtschafteten sie eine Schweinemästerei im nahegelegenen Offenau. Im Januar 1921 erwarben sie schließlich das Grundstück in der Königstraße 3 inklusive der dort befindlichen Schankwirtschaft. Zunächst führten sie diese unter dem Namen „Ernst Gerhardt“, später benannten sie sie zu „Gerhardt´s Gasthaus“ um.

Am 7.1.1921 erteilte der Magistrat der Stadt Elmshorn dem Malermeister Ernst Gerhardt die Erlaubnis „unter Beachtung der polizeilichen Vorschriften ein[e] Schankwirtschaft zu betreiben“.

Tatsächlich galten Schankwirtschaften damals als gefährliche Orte, die Trunksucht und sittenwidriges Verhalten förderten. Um die öffentliche Ordnung zu wahren, wollten die Polizeibehörden republikweit Konzessionen abbauen. Auch war die Einhaltung der Polizeistunde, das heißt der Schließzeiten, oberste Pflicht des Gastwirts.

In den Zwischenkriegsjahren lag die Wirtschaft am Boden, die Bevölkerung war vom Ersten Weltkrieg traumatisiert. Gerade bei den Kriegsheimkehrern erfreute sich Alkohol daher einer großen Beliebtheit.

Zu Gerhardts Gästen zählten seit der Anfangszeit unter anderem Sport- und Berufsvereine, die dort ihre Versammlungen abhielten. Auch Ernst Gerhart war Mitglied in mehreren Vereinen, etwa dem Turnverein-Holsatia. Im Juli 1925 ersuchte Gerhardt beim Magistrat der Stadt um eine Konzessionserweiterung für das „rechts vom Eingang befindliche Privatzimmer“. Die Mitglieder des Vereins seien, wenn sie „in dem gegenüberliegenden Holsteinischen Hofe Vergnügungen haben […] auch bei ihm zu Gast und […] wollen auch einmal privat sein“. 

Man darf sich vorstellen, wie der Wunsch nach einem Separee bei den Polizeibehörden angesichts der Weisungen zum Konzessionsabbau angekommen sein mag: schließlich landete der Fall vor Gericht.

Der Magistrat der Stadt Elmshorn vertrat eine ablehnende Haltung zum Ausschank von Hochprozentigem. Er bekundete, „dass die ernste wirtschaftliche Notlage des Volkes eine weitgehende Einschränkung des Ausschanks von geistigen Getränken erforder[e]“. Mit der Begründung, dass kein „allgemeines Bedürfnis“ bestehe, auch „weil in der Königstraße, gerade auch in der Nachbarschaft von Gerhardt, genügend Schankwirtschaften vorhanden [seien]“, wurde der Antrag schließlich abgelehnt.

Vor Gerhardt´s Gasthaus, links Willi Scholz, rechts daneben Herr Warnholz. Warnholz, von allen nur „Krumbeck“ genannt, richtete im Haus Königstraße 3 in den Zwischenkriegsjahren einen Journal-Lesezirkel ein. Das Schild links trägt den Namen des Gründers der Lesezirkel, D[etlef Christopher Georg] Krumbeck (1867-1932). Ab 1901 hatte Krumbek von Altona aus zunächst in Hamburg und Umgebung Lesezirkel initiiert. Und weitete nach dem Ersten Weltkrieg seine Geschäftstätigkeit auf Schleswig-Holstein aus. Foto: Privatbesitz

Schankwirtschaften und Spirituosenhandel in der Königstraße

Fünf Jahre nach Eröffnung von Gerhardt´s Gasthaus gab es in Elmshorn insgesamt 68 Gast- und Schankwirtschaften und zwei Hotels. Bis 1938 blieb die Anzahl der Gaststätten nahezu gleich, Elmshorn wartete mit 27 Gastwirtschaften, 38 Schankwirtschaften und neun alkoholfreien Ausschänken auf.

Auch einige Kolonialwarenläden in der Königstraße durften, abgesehen von Wein und Bier, Spirituosen in geschlossenen Flaschen verkaufen. In der Königstraße 57 wurde Ende der 1930er Jahre außerdem eine „geistreiche Spezialität“ erfunden, die auch heute noch (von einem anderen Hersteller) vertrieben wird: der Kräuterlikör „Elmshorner Tropfen“.

Was den Alkoholgenuss in eigenen Gasträumen anging, so war Gerhardt´s Gasthaus zu jener Zeit eine beliebte Anlaufstelle. Mit durchschnittlich 1825 Litern in den Jahren 1938 und 1939 blieb der Bierumsatz zunächst konstant, ein Jahr nach Kriegsbeginn war er auf 1928 Liter angestiegen. Bis zum Umbau des Gasthauses in den 1930er Jahren und auch nach 1945 war Gerhardt´s Gasthaus eine reine Schankwirtschaft mit Bier, Wein, Spirituosen und alkoholfreien Getränken im Angebot. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges gab es zeitweise auch einen Mittagstisch.

Umbau von Gerhardt´s Gasthaus in den 1930er Jahren

Gerhardt´s Gasthaus nach dem Umbau, Mitte der 1930er Jahre. Die Wirtsräume lagen nun auf Straßenniveau. Foto: Sammlung IME

Nach dem Tod ihres Mannes am 19.12.1931 wollte Pauline Gerhardt die Schankwirtschaft fortführen. Doch durften Frauen in jenen Jahren keine Rechtsgeschäfte tätigen. Daher erwirkte sie beim Magistrat der Stadt die Genehmigung, ihren damals 52-jährigen Schwiegersohn – den Lokomotivführer i.R. Wilhelm Scholz (*1879 +1959) – zum Stellvertreter zu machen. Außer Wilhelm, genannt Willi, stieg auch Tochter Martha (*1889 +1963) in den Gaststättenbetrieb mit ein.

1933 beantragten sie eine Konzessionserweiterung für das jeweils im Erdgeschoss nebeneinander gelegene Gastzimmer und Klubzimmer, die vergrößert werden sollten. Die Konzessions-Zeichnung offenbart, dass es im Klubzimmer sogar ein Telefon gab. In öffentlichen Einrichtungen waren Telefone in der damaligen Zeit häufiger zu finden. In Elmshorner Haushalten waren sie nicht so sehr verbreitet.

Das alte Lokal lag erhöht, im Rahmen des Umbaus wurde es schließlich auf Straßenniveau gesetzt. Hierdurch erhielten die Räume eine Höhe von 3,40 m. Nach der Erweiterung war die Grundfläche für Gast- und Klubzimmer schließlich 86 qm groß. Außerdem gab es nun einen separaten Ein- bzw. Ausgang, der zur Königstraße führte.

Im Kellergeschoss lag eine Küche mit Aufzug. Die Küche war über eine Treppe zugänglich, die vom Gastzimmer und vom Klubzimmer abging. Außerdem gab es im Keller ein bisher vom Schankbetrieb ausgenommenes Zimmer und zwei Lagerkeller.

In der Gaststube: Vorne links hinter der Theke Willi u. Martha Scholz. Von rechts gesehen vermutlich Georg Kleemann, links neben ihm Frau Palm und Herr Warnholz, dahinter Mila Kleemann und eine unbekannte Person. Neben Erika Scholz steht Hans Severin (mit Melone), rechts davon drei unbekannte Damen. Das Foto entstand vermutlich noch vor dem Umbau Ende der 1930er Jahre. Foto: Privatbesitz

Öffentlichkeit und Hygiene

Mit Blick auf die Königstraße im wahrsten Sinne des Wortes erhellend, waren die baupolizeilichen Auflagen aus § 11 des Gaststättengesetzes, die Pauline Gerhardt beim Umbau erfüllen musste.

So sollten Gastwirte dafür sorgen, „de[n] Eingang zu den Räumlichkeiten des Gewerbebetriebes sowie de[n] Flur und etwaige Treppen, welche zu den Räumlichkeiten führen, […] bei Eintritt der Dunkelheit bis zur Polizeistunde hell und ausreichend“ zu beleuchten. Auch war es notwendig „Aborte (Pissoirs und Klosetts) in einem dem Verkehr in den Gast- und Schankräumen entsprechenden Umfange“ anzulegen und „dafür zu sorgen, daß die Gäste die Aborte leicht auffinden können“. Pauline Gerhardt erfüllte diese Auflagen und ließ Damen- und Herren Wasser-Klosette einbauen. Die Toilettentüren waren – so erinnert sich ein Zeitzeuge – skurrilerweise mit den Buchstaben „M“ und „F“ und nicht wie üblich mit „H“ und „D“ gekennzeichnet.

Was aus heutiger Sicht selbstverständlich scheint – leicht auffindbare Toilettenräume bereit zu stellen – war damals in vielen Städten eine Reaktion auf unhygienische Verhältnisse rund um Gaststättenbetriebe.

Tatsächlich häufen sich auch für die Königstraße Berichte von Zeitzeug*innen über umherziehende Männergruppen, die sich nach Schließung der Lokale oder Tagesauschänke in die Dunkelheit der kleinen Gässchen zurückzogen oder sich direkt an den Hauswänden erleichterten. Übrigens konnte die Schließzeit, wenn Gäste einmal in Feierlaune waren, durchaus einmal ausgereizt werden. Auch Pauline Gerhardt erhielt wegen „Nichtbeachtung der Polizeistunde“ in den Jahren 1934 und 1937 Verwarnungen.

Gerhardt´s Gasthaus als Versammlungsort der Nationalsozialisten

Ein Gerichtsprotokoll des Kreisverwaltungsgerichts Pinneberg des Monats April 1938 bezeugt eine Verhandlung um eine Konzessionserweiterung. Das bisher ungenutzte Zimmer im Kellergeschoss sollte nun offiziell zum Gastraum gemacht werden.

In der Verhandlung gab Willi Scholz an, dass das Zimmer bereits zu einer Schiffskajüte ausgebaut worden war. Es diente „dem in diesem Lokal tagenden Marinesturm als Unterrichts- und Kameradschaftsraum“.

Dieser Umstand war schließlich von Vorteil. Es kam zur Genehmigung, da sich nationalsozialistische Interessen durchsetzten: Zwar hatte sich die Wirtschaftskammer der Nordmark/Unterabteilung Gaststätten und Beherbergungsbetriebe bei der Begutachtung des Antrags laut § 19 des Gaststättengesetzes gegen die Erweiterung ausgesprochen. Doch gab es Unterstützung von der Deutschen Arbeitsfront – Gauverwaltung Schleswig-Holstein.

Auch der Beigeordnete der Stadt Elmshorn und der Bürgermeister der Ortspolizeibehörde bejahte die Bedürfnislage. Schließlich erhielt Pauline Gerhardt einen positiven Bescheid und die Erlaubnis zum Umbau.

Letztendlich wurde Gerhardt´s Gasthaus zum hoch frequentierten SA-Sturmlokal. Insbesondere am Ambiente der Schiffskajüte fanden die Nationalsozialisten Gefallen: So bewunderten sie etwa den Schiffskompass, nur eines von vielen maritimen Ausstattungsdetails der Kajüte. Die Idee zu dieser Ausstattung ging übrigens auf ein Beispiel im Gasthaus nebenan zurück.

Nach dem Tod von Pauline führten Martha und Willi die Gaststätte alleine fort. 1946 gab es in einem Umkreis von 500 Metern um Gerhardt´s Gasthaus neun Gast- und fünf Schankwirtschaften, ein Café und eine beschränkte Schankwirtschaft (wo kein Alkohol ausgeschenkt wurde).

Nach 1945 mussten sämtliche Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe die Erlaubnis zum Fortbetrieb einholen. Schon bevor die offizielle Genehmigung vorlag, bot Willi einen Mittagstisch an. Angesichts der Lebensmittelversorgungskrise nach Kriegsende war das ein bemerkenswertes Engagement. Und man darf davon ausgehen, dass Willi in der Stadt gut vernetzt war, um an Lebensmittel zu kommen. Zwar hatten Lebensmittelgeschäfte wieder Waren in ihren Auslagen, doch war die Abgabe streng geregelt. Daher blühte deutschlandweit – auch in Elmshorn – der Schwarzmarkt.

Der Mittagstisch war allerdings nur eine kurze Episode in der Geschichte von Gerhardt´s Gasthaus. Speisen wurden ausschließlich bei größeren, geschlossenen Gesellschaften organisiert. Allerdings stand auf der Theke – geschützt durch einen Holzkasten mit Glasscheibe – immer ein Glastopf mit Soleiern. Diese durch Einsalzung haltbar gemachte „Köstlichkeit“, war bis in die 1960er Jahre in vielen Elmshorner Kneipen als Imbiss beliebt. Die Eier, die gerne mit Tabascosauce oder Essig garniert wurden, dienten auch als Maßnahme gegen den Alkoholkater. Die Gäste konnten damit etappenweise die durch den Alkohol verlorenen Salzvorräte auffüllen, um anschließend die nächste Runde zu bestellen.

Ein Familienbetrieb schließt … ein Irish Pub kommt

Willi und Martha übergaben schließlich an ihren Sohn Gerhardt (1912-1988) und dessen Ehefrau Grete (1921-2011) die Gastwirtschaft. Nach kurzer Zeit gaben diese in den 1960er Jahren die Familiengaststätte auf und verpachteten den Betrieb. Die Gaststätte hieß nun „Kuddels Fassbier-Stuben“. Auf diese folgte in den 1970er Jahren das König’s Eck.

Ein Blick auf die Königstraße 3-7 mit dem König´s Eck, 1981. Foto: E.-G. Scholz

Nach Schließung der Gastwirtschaft König’s Eck eröffnete am 14. April 1998 das Irish Pub Broderick. Auf einem brach liegenden Eckgrundstück Richtung Krückau richtete der irische Gründer und Namensgeber – John Broder – einen Biergarten ein, den er später auch überdachte.

Als John Broder Anfang 2008 verstarb, übernahm sein langjähriger Mitarbeiter Masoud Farhadian den Pub. Im Februar 2017 übergab Farhadian an Malte Findeisen, der auch Craft-Beer made in Elmshorn sowie Burger ins Sortiment aufnahm. Die Kultkneipe hat dank breitem Bierangebot, Livemusik und Biergarten als einzige Kneipe in der Königstraße überlebt.

Der Straßenzug im Jahr 2014, links das Irish Pub Broderick. Foto: E.-G. Scholz
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