Ursula Dörr

„Die Schallplatten, das war mein Revier hier“

(Ursula Dörr, 2019)
Ursula Dörr, in der Tür des ersten von ihr geführten Fachgeschäfts „Radio Dörr“ am Bahnhof, 1957. Foto: Privatbesitz


Über aktuelle Entwicklungen in der Radio-, Fernseh- und Musikbranche bestens informiert, ist Ursula Dörr bis heute. Als langjährige Geschäftsführerin von Radio Dörr in der Königstraße 2 legte sie vielen Elmhorner*innen jahrzehntelang Musik ins Ohr und ans Herz.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Fritz hatte sie im Dezember 1949 am Bahnhof Tornesch das Stammgeschaft „Radio Dörr“ gegründet. In den Elmshorner Filialen übernahm sie ab 1957 die Geschäftsleitungen.

Seit 1957 spezialisierte sich Ursula Dörr bei „Radio Dörr“ am Elmshorner Bahnhof – ab 1964 dann im größeren Laden in der Königstraße 2 – auf den Verkauf von Schallplatten. „Die Schallplatten, das war mein Revier hier“, so erinnert sie sich im Jahr 2019 in einem Interview mit dem Industriemuseum.

Leidenschaft für Musik

Seit Ende der 1940er Jahre hatte die Plattenindustrie in Deutschland allmählich wieder ihre Produktion aufgenommen und auch die Kultur der Besatzungsmächte bestimmte das Musik- und Filmangebot. Die Elmshorner*innen teilten den Durchschnittsgeschmack der Nachkriegsbevölkerung: „Besonders beliebt“, so Ursula Dörr, „war damals Schlagermusik“.

Ursula Dörr war als Mitglied im Schallplatten-Fachkreis über jeden Kassenschlager bestens im Bilde: „Wenn eine neue Schallplatte rauskam, dann musste ich schnell sofort nach Hamburg fahren – und bei den Großhändlern anstehen. Die Firmen haben dann auch immer nur zehn Stück geschickt. Damit alle was ab bekamen. Die konnten gar nicht so schnell die Schallplatten pressen“, erinnert sie sich mit einem Lächeln. Um selbst nach Hamburg fahren zu können, machte sie übrigens in Windeseile ihren Führerschein.

Die erste Radio Dörr-Filiale am Bahnhof, 1957. Foto: Privatbesitz
Ursula Dörr bot ein breites Sortiment an Schallplatten an. Hier war für jeden Musikgeschmack was zu haben! Foto: Privatbesitz
Plattenbar im neuen Laden in der Königstraße, im Jahr 1964 noch mit versenkten Hörmuscheln. Foto: Privatbesitz

Besonders gerne empfing Ursula Dörr ihre Kund*innen an der Schallplattenbar. Hier konnten es sich Musikbegeisterte jeden Alters – eben wie an einer Bar –  bequem machen, um via Kopfhörer altbekannte Melodien zu genießen und Neuerscheinungen zu lauschen.

Ende der 1970er Jahre erweiterte Radio Dörr seine Räumlichkeiten in der Königstraße 2 und baute zum Plattenkeller um. Auch stieg damals die Schwiegertochter ins Geschäft ein.

Zur Ausstattung gehörten fortan blaue Ohrensessel, in deren Kopfteile Lautsprecher eingelassen waren. „Da kriegten die Kunden dann noch eine Tasse Kaffee und konnten da ihre Platten, die sie kaufen wollten, hören“, erzählt Ursula Dörr. Prominentester Gast im Ohrensessel war übrigens Schlagersänger-Jungstar Heintje, der 1971 zur Präsentation einer neuen Platte in die Königstraße 2 kam und Elmshorn zur Autogrammstunde lud.

Die Plattenbar Ende der 1970er Jahre mit zusätzlichen Kopfhörern. Foto: Privatbesitz

Gemeinsam zum Erfolg

In die – nach dem Zweiten Weltkrieg zeitgemäß bedingt eher von Männern dominierte – Radio- und Fernsehbranche kam die gelernte Erzieherin Ursula Dörr durch ihren Ehemann Fritz. Sehr gut hatte sie sich seinerzeit vorstellen können wieder in ihrem Beruf zu arbeiten. So hatte sie diesen ebenso leidenschaftlich verfolgt, wie die neue Perspektive: ein Familienbetrieb!

Unabhängig und zugleich familienorientiert, dabei immer positiv zukunftszugewandt, erkannte Ursula Dörr die Chancen auf dem boomenden Radio- und Fernsehmarkt. Mit ihrem Ehemann Fritz und Sohn Hans-Joachim verstand sie es, durch Kundendienst und aufsehenerregende Marketingaktionen Kund*innen zu erobern.

Das „Radio Dörr“-Stammgeschäft eröffnete 1949 in Tornesch, acht Jahre später dann die erste Elmshorner Filiale. In der neuen Filiale am Elmshorner Bahnhof, wie im Übergangsladen in der Mühlenstraße ab 1962 und im neu ausgebauten Laden in der Königstraße 2 ab Juli 1964 übernahm Ursula die Geschäftsleitung.

Fritz Dörr

Fritz Dörr, um 1950. Foto: Privatbesitz

Fritz Dörr (1916-1981) hatte eine Lehre bei Telefunken in Mannheim abgeschlossen und absolvierte nach dem Abitur ein Studium an der Technischen Universität Karlsruhe. Danach wechselte er an die Universität Hamburg, wo er seine Ingenieursprüfung im Fach Elektrotechnik ablegte. Vor Gründung des Stammgeschäfts in Tornesch, führte er als Radiotechniker ein Ingenieursbüro in der Esinger Schule. Dort betrieb er eine Reparaturwerkstatt für Elektro- und Radiogeräte, bot Beratungsleistungen „auf allen Gebieten der Elektrotechnik und Fernmeldetechnik“ an und spezialisierte sich auf den „Umbau von Radiogeräten, Tauschvermittlung elektrischer- und Radiogeräte, Röhren und Zubehör, Lautsprecheranlagen jeder Art und Leistung“.

Fritz Dörrs persönliche Leidenschaft galt dem Sammeln alter Radios, die er auf Flohmärkten erstand. Auch legte er, bis er 1948 die Zulassung zum Führen eines DKW Krath (Motorrads) erhielt, weite Strecken mit dem Fahrrad zurück: Für Werkzeug, Messgeräte und Ersatzteile fuhr er mit dem Drahtesel bis nach Hamburg und auch seine ersten Kunden in Klein Offenseth und Seestermühlen steuerte er mit dem Fahrrad an!

Schließlich beauftragte ihn die Firma I.P.H. Kröger „Radio­ und Musikwaren“ aus der Schulstraße mit Radioreparaturen für die umliegende Landbevölkerung, die er mit dem Fahrrad besuchte.

Das am 3.12.1949 in Tornesch gegründete Stammgeschäft in der Nähe des Bahnhofs, das er leitete, machte ebenso wie die Elmshorner Filialen von Anbeginn an sehr erfreuliche Umsätze. Als jahrelanger Vorsitzender im Einzelhandelsverband Abteilung Rundfunk-Fachhandel setzte sich Fritz Dörr für die Entwicklung der Beschäftigungsmöglichkeiten im Rundfunkfachhandel ein, bildete selbst Lehrlinge aus und beschäftigte zeitweise mehr als 20 Mitarbeiter*innen.

Das Tornescher Stammgeschäft erweiterte Dörr 1951 durch eine größere Werkstatt, 1953 baute er abermals an. Sowohl in Tornesch, als auch in Elmshorn wurde „Radio Dörr“ zu einer festen Institution.

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