Ursula Dörr

„Die Schallplatten, das war mein Revier hier“

(Ursula Dörr, 2019)
Ursula Dörr, in der Tür des ersten von ihr geführten Fachgeschäfts „Radio Dörr“ am Bahnhof, 1957. Foto: Privatbesitz


Über aktuelle Entwicklungen in der Radio-, Fernseh- und Musikbranche bestens informiert, ist Ursula Dörr bis heute. Als langjährige Geschäftsführerin von Radio Dörr in der Königstraße 2 legte sie vielen Elmshorner*innen jahrzehntelang Musik ins Ohr und ans Herz.

Seit 1957 spezialisierte sich Ursula Dörr bei „Radio Dörr“ am Elmshorner Bahnhof – ab 1964 dann im größeren Laden in der Königstraße 2 – auf den Verkauf von Schallplatten. „Die Schallplatten, das war mein Revier hier“, so erinnert sie sich im Jahr 2019 in einem Interview mit dem Industriemuseum.

Leidenschaft für Musik

Seit Ende der 1940er Jahre hatte die Schallplattenindustrie in Deutschland allmählich wieder ihre Produktion aufgenommen und auch die Kultur der Besatzungsmächte bestimmte das Musik- und Filmangebot. Die Elmshorner*innen teilten den Durchschnittsgeschmack der Nachkriegsbevölkerung: „Besonders beliebt“, so Ursula Dörr, „war damals Schlagermusik“.

Ursula Dörr war als Mitglied im Schallplatten-Fachkreis über jeden Kassenschlager bestens im Bilde: „Wenn eine neue Schallplatte rauskam, dann musste ich schnell sofort nach Hamburg fahren – und bei den Großhändlern anstehen. Die Firmen haben dann auch immer nur zehn Stück geschickt. Damit alle was ab bekamen. Die konnten gar nicht so schnell die Schallplatten pressen“, erinnert sie sich mit einem Lächeln. Um selbst nach Hamburg fahren zu können, machte sie übrigens in Windeseile ihren Führerschein.

Die erste Radio Dörr-Filiale am Bahnhof, 1957. Foto: Privatbesitz
Ursula Dörr bot ein breites Sortiment an Schallplatten an. Hier war für jeden Musikgeschmack was zu haben! Foto: Privatbesitz
Plattenbar im neuen Laden in der Königstraße, im Jahr 1964 noch mit versenkten Hörmuscheln. Foto: Privatbesitz

Besonders gerne empfing Ursula Dörr ihre Kund*innen an der Schallplattenbar. Hier konnten es sich Musikbegeisterte jeden Alters – eben wie an einer Bar –  bequem machen, um via Kopfhörer altbekannte Melodien zu genießen und Neuerscheinungen zu lauschen.

Ende der 1970er Jahre erweiterte Radio Dörr seine Räumlichkeiten in der Königstraße 2 und baute zum Plattenkeller um. Auch stieg damals die Schwiegertochter ins Geschäft ein.

Zur Ausstattung gehörten fortan blaue Ohrensessel, in deren Kopfteile Lautsprecher eingelassen waren. „Da kriegten die Kunden dann noch eine Tasse Kaffee und konnten da ihre Platten, die sie kaufen wollten, hören“, erzählt Ursula Dörr. Prominentester Gast im Ohrensessel war übrigens Schlagersänger-Jungstar Heintje, der 1971 zur Präsentation einer neuen Platte in die Königstraße 2 kam. Ganz Elmshorn war zur Autogrammstunde geladen.

Die Plattenbar Ende der 1970er Jahre, mit zusätzlichen Kopfhörern über der Theke. Foto: Privatbesitz

Gemeinsam zum Erfolg

In die Radio- und Fernsehbranche kam die gelernte Erzieherin Ursula Dörr durch ihren Ehemann Fritz. Gerne hätte sie nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in ihrem Beruf gearbeitet. Sie zog jedoch die Mitarbeit im Familienbetrieb vor!

Unabhängig und zugleich familienorientiert, dabei immer positiv zukunftszugewandt, erkannte Ursula Dörr die Chancen auf dem boomenden Radio- und Fernsehmarkt. Mit ihrem Ehemann Fritz und Sohn Hans-Joachim verstand sie es, durch Kundendienst und aufsehenerregende Marketingaktionen Kund*innen zu erobern.

Fritz Dörr

Fritz Dörr, um 1950. Foto: Privatbesitz

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Fritz Dörr (1916-1981) das Abitur gemacht und anschließend eine Lehre bei Telefunken in Mannheim abgeschlossen. Nach Wehr- und anschließendem Arbeitsdienst studierte er einige Zeit an der Technischen Universität Karlsruhe. Von dort wechselte er an die Universität Hamburg, wo er seine Ingenieursprüfung im Fach Elektrotechnik ablegte. Vor Gründung des Stammgeschäfts in Tornesch führte er als selbständiger Radiotechniker und Ingenieur ab dem 15.8.1946 eine Werkstatt in der Esinger Schule.

In der Werkstatt reparierte er Elektro- und Radiogeräte und bot Beratungsleistungen auf allen Gebieten der Elektro- und Fernmeldetechnik an. Er reparierte Radiogeräte und baute eine Tauschvermittlung für elektrische Anlagen und Radiogeräte auf. Auch verkaufte er dort Röhren und Zubehör und vermietete Lautsprecheranlagen.

Während dieser Zeit beauftragte ihn die Firma I.P.H. Kröger „Radio­ und Musikwaren“ aus der Schulstraße in Elmshorn mit Radioreparaturen für die umliegende Landbevölkerung, die er zu Beginn noch mit dem Fahrrad ansteuerte.

Fritz Dörrs persönliche Leidenschaft galt dem Sammeln alter Radios, die er auf Flohmärkten erstand. Bis er 1948 die Zulassung zum Führen eines DKW Krath (Motorrads) erhielt, legte er weite Strecken mit dem Fahrrad zurück: Für Werkzeug, Messgeräte und Ersatzteile fuhr er mit dem Drahtesel bis nach Hamburg und auch seine ersten Kunden in Klein Offenseth und Seestermühe steuerte er mit dem Fahrrad an!

Das am 3.12.1949 in Tornesch gegründete Stammgeschäft am Bahnhof machte von Anbeginn an sehr erfreuliche Umsätze. Während seine Frau Ursula die ebenso umsatzstarke Elmshorner Filiale leitete, war er für die Geschäftsführung in Tornesch verantwortlich.

Das Tornescher Stammgeschäft erweiterte Dörr 1951 durch eine größere Werkstatt, 1953 baute er abermals an.

Sowohl in Tornesch, als auch in Elmshorn wurde „Radio Dörr“ zu einer festen Institution. Als jahrelanger Vorsitzender im Einzelhandelsverband Abteilung Rundfunk-Fachhandel setzte sich Fritz Dörr für die Entwicklung der Beschäftigungsmöglichkeiten im Rundfunkfachhandel ein. Er bildete selbst Lehrlinge aus und beschäftigte zeitweise mehr als 20 Mitarbeiter*innen. Aufgrund seiner weitreichenden Erfahrungen auf arbeitsrechtlichem Gebiet engagierte er sich zudem seit 1957 als ehrenamtlicher Richter am Arbeitsgericht Elmshorn.

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