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Radio Dörr

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte der Diplom-Elektroingenieur und ausgebildete Radiotechniker Fritz Dörr in Tornesch ein Ingenieurbüro betrieben. Dort reparierte und konstruierte er Elektro- und Radiogeräte. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Ursula eröffnete er 1949 am Tornescher Bahnhof ein Radio-Spezialgeschäft mit Reparaturwerkstatt. Schon länger hatten die Eheleute davon geträumt, im nahegelegenen Elmshorn ein weiteres Radiogeschäft zu gründen. Dieser Traum sollte eines Tages, mit dem Anruf eines guten Freundes – Heinz Wermbter, wahr werden.

Heinz Wermbter und Ehefrau Ilse, die wie Ursula und Fritz Dörr in Tornesch wohnten, betrieben in den 1946 errichteten und im Zuge des Bahnhofumbaus abgerissenen Behelfsbauten auf dem Gelände des Bahnhofs Elmshorns in der Königstraße ein Juweliergeschäft.

Wermbters und Dörrs verband eine jahrelange Freundschaft. Als der dem Juweliergeschäft angrenzende Bau frei wurde, war die Freude, fortan Seite an Seite zu arbeiten, groß! Für 10 000 Mark kauften Fritz und Ursula Dörr das Ladengeschäft, in dem vorher Gerhard Simon Rundfunkgeräte, Ersatzteile und elektronische Kleingeräte verkauft hatte. Schon damals wusste Familie Dörr, dass sie das Häuschen im Zuge des geplanten Bahnhofsumbaus auf eigene Kosten abreißen würden müssen.

Bahnhofsgelände mit „Seufzerbrücke“, von der Mühlenstraße aus gesehen, 1956. Markiert sind die nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten weißen Behelfsbauten in der Königstraße. Dort eröffnete 1957 die erste Radio Dörr Filiale Elmshorns. Foto: P. Koopmann, StA Elmshorn, Markierung IME

Von der ersten Filiale am Bahnhof bis zur Neueröffnung in der Königstraße

So kam es, dass Fritz und Ursula Dörr 1957 in einem der weißen Behelfsbauten ihre erste Filiale in Elmshorn eröffneten. Während Fritz Dörr das Stammgeschäft in Tornesch betrieb, wurde Ursula Dörr zum Gesicht der Filiale am Bahnhof. Im Sortiment waren Radios, Fernsehgeräte und Phonomöbel – und, wie eine Anzeige verrät, „eine Groß-Auswahl an Schallplatten“. Denn Geschäftsführerin Ursula Dörr hat eine besondere Leidenschaft für Musik!

Zu Beginn führte Radio Dörr – dem Marktangebot entsprechend – Waren aus deutscher Produktion. So hatten sie Marken wie Telefunken, Grundig und Nordmende im Angebot. Denn diese Firmen hatten Niederlassungen in Hamburg, was ein logistischer Vorteil war. Neben Radio-Reparaturen vermieteten die Dörrs, wie auch ihr Konkurrent Radio Wichmann, Lautsprecherwagen.

Radio Dörr in der Königstraße am Bahnhof, 1957. Im linken Gebäudeteil war der Juwelier Wermbter untergebracht. Rechts in der Tür hält Geschäftsführerin Ursula Dörr einen Plausch. Foto: Privatbesitz
Schaufenster „Radio Dörr“ am Bahnhof, 1958. Für die Gestaltung der Fenster war Ursula Dörr zuständig, später wurde das Design
durch die Einkaufsgenossenschaften festgelegt. Foto: Privatbesitz
Erster VW Bus der Firma Dörr, 1953. Foto: Privatbesitz

Die ersten Geräte zur Reparatur holte Fritz Dörr mit dem Fahrrad ab, dann mit dem Motorrad. Ab 1951 diente ein Kübel-Volkwagen als erstes Firmen- und Privatauto, mit dem Ursula Dörr ihre Schallplattenkäufe aus Hamburg tätigte. Das nächste Firmenauto war ein Mercedes, Baujahr 1939, auf dem die Lautsprecher besonders gut befestigt werden konnten. 1953 gab es den ersten VW-Bus mit Firmenaufdruck. Diesem Transportmittel sollten über die Jahre viele weitere folgen.

1964: Neueröffnung in der Königstraße

Bis heute ist das Gelände, auf dem damals die Behelfsbauten standen, Eigentum der Deutschen Bahn. Für Familie Dörr bedeutete dies, immer wieder in Verhandlungen mit diesem Konzern zu treten: Nachdem die erste Filiale im Zuge des Bahnhofsneubaus im Jahr 1962 weichen musste, zog Radio Dörr mit dem Ladengeschäft übergangsweise auf die andere Seite des Bahnhofs, Ecke Mühlenstraße. In diesem kleineren Laden war weniger Platz für Geräte, doch bot Ursula Dörr weiterhin eine große Auswahl an Schallplatten. Auch überbrückte Familie Dörr dort die Bauzeit des neuen, unterkellerten (und daher zweistöckigen) Ladengeschäfts, das sie schließlich am 29.7.1964 in der Königstraße 2 eröffneten.

Radio Dörr. Aufnahme von 1964. Foto: Privatbesitz

Wie bereits zuvor, übernahm Ursula Dörr die Geschäftsleitung. Juwelier Wermbter zog in das Nebengebäude (Königstraße 4). Ihre Ladengeschäfte waren nun durch einen kleinen Durchgang getrennt. Heute ist dort ein Shop des Geländeeigentümers, der Deutschen Bahn, untergebracht.

Im zweistöckigen Bau war nun endlich mehr Ausstellungsfläche. Foto: Privatbesitz
Auch Fernseher, vor allem aber Musikmöbel, waren ab den 1950er Jahren beliebte Luxusgüter, die bei Dörr zu haben waren. Foto: Privatbesitz

Radiogeschäfte in der Königstraße

Als Radio Dörr 1957 nach Elmshorn kam, gab es in der Königstraße bereits zwei Konkurrenzbetriebe: Radio Wichmann und Oberhellmann. Weitere, größere Konkurrenten in Elmshorn waren etwa Radio Clasohm – in der Königstraße gab es zeitweise das Schallplattengeschäft Hellmann.

Wichmann, Königstraße 50 und Oberhellmann, im Hinterhof der Königstraße 23, waren bereits Mitte der 1920er Jahre in Elmshorn ansässig geworden und hatten sich schließlich im Herzen der Stadt angesiedelt.

Persönlich in wertschätzendem Austausch stehend, konkurrierten die Betreiber*innen der Radiogeschäfte um die Gunst der Kund*innen. Ein unternehmerisches Risiko blieben über all die Jahre Entwicklungen in der Radio-, Fernseh- und Musikbranche, vor allem aber das Aufkommen von Großhandelsunternehmen. Um konkurrenzfähig zu bleiben, lockten Radio Dörr und seine Konkurrenten durch all die Jahre mit spektakulären Werbeaktionen.

Auch ist es wohl kein Zufall, dass Radio Wichmann im Jahr 1958, ein Jahr nach Gründung von Radio Dörr, seine Geschäftsräume erstmalig erweiterte. 1964, als Dörr das neue Gebäude bezog, übernahm Wichmann die benachbarten Geschäftsräume von Kaisers Kaffeegeschäft, um mehr Platz für Ware und Schallplatten zu schaffen. Auch Oberhellmann hatte in seiner Filiale „Televisa“ eine große Schallplattenbar, an die sich viele Elmshorner*innen bis heute erinnern.

Um konkurrenzfähig zu bleiben, traten Radio Dörr und andere Elmshorner Radiogeschäfte Fachgenossenschaften bei, wie etwa der Interfunk.

Schaufenster in der Königstraße. Um konkurrenzfähig zu bleiben, trat Fritz Dörr 1969 dem Funkberater-Werbering bei, der Beginn von mehreren
Kooperationen mit Genossenschaften für Radio-Fachhändler. Foto: Privatbesitz

7.7.77 – der Startschuss für ein neues Einkaufserlebnis

Als die Stadt mit dem City Center Elmshorn (CCE) sein erstes Einkaufszentrum bekam, war Radio Dörr ganz vorne mit dabei. Am 7.7.1977 eröffneten sie im neugegründeten CCE eine Verkaufsfiliale, deren Geschäftsleitung Ursula Dörrs Sohn, Hans-Joachim, übernahm.

Besichtigung der Bauarbeiten für die neue Radio Dörr-Filiale im City Center Elmshorn (CCE), Anfang Juli 1977. Foto: Privatbesitz
Feierlichkeiten in der Königstraße zur Eröffnung des City Center Elmshorn. Foto: Privatbesitz

Zur Eröffnung hatte Ursula Dörr die Schlagersängerin Dorthe Kollo geladen. Und auch durch die Königstraße zogen Festparaden – ganz Elmshorn feierte!

Während Radio Dörr in der Königstraße auf den Verkauf von Autoradios und Funkgeräten umstellte, nutzten sie die im CCE um ein vielfaches vergrößerte Verkaufsfläche, um laufend neue Hi-Fi-Geräte, Fernseher und Elektronik aus aller Welt zu präsentieren.

Ab Ende der 1970er Jahre waren bei Hans-Joachim Dörr auch Computer zu haben: die ersten in Elmshorn! Mit der größten Schallplattenabteilung im Kreis Pinneberg wurde Radio Dörr weit über Elmshorn hinaus bekannt.

Schaufenster im CCE: Bereits am 25.4.1972 war Radio Dörr der Kooperation Interfunk beigetreten, was sich auch in der Gestaltung der Fenster widerspiegelte.
Foto: Privatbesitz

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