Ein Findelkind vor der Königstraße 6-8

von Karen Buchholz

Die Geburtsurkunde von Johannes Laurentius. Die besonderen Umstände seines Lebensbeginns sind unter dem Feld „Bemerkungen“ zusammengefasst. Der elternlose Findling“ hat immerhin drei Taufpaten. Möglicherweise hat eine der „Gevatter“-Familien den kleinen Jungen aufgezogen. Privatbesitz

Der Laurentiustag ist sein Namenstag. Nicht seinen Vornamen, sondern den Nachnamen verdankt Johannes Laurentius dem Gedenktag des Heiligen Laurentius am 10.August. Einen Familiennamen hatte der kleine Junge nicht, denn seine leiblichen Eltern sind unbekannt. Er ist ein Findelkind, ausgesetzt am Laurentiustag vor der Tür der Bäckerei Schrader im Alter von zwei oder drei Tagen im Jahr 1874. Man gab ihm den Vornamen Johannes nach Johannes dem Täufer.

Die Suche nach seinen Eltern blieb erfolglos und auch wer den kleinen Jungen aufnahm und großzog, ist der Familie heute nicht mehr bekannt. Vermutet wurde, dass Bäcker Schrader sein Vater gewesen sein könnte, vielleicht aber wurde das Kind auch nur vor der Bäckerei in der Königstraße ausgesetzt, damit es an diesem belebten Ort schnell gefunden würde.

Im Fotoatelier wurde der junge Johannes Laurentius gemeinsam mit Otto Hamann fotografiert. Beide erlernten das Gerberhandwerk, in welcher Beziehung sie darüber hinaus standen, ist nicht bekannt. Foto: Privatbesitz

Trotz des schwierigen Starts hat Johannes Laurentius sein Leben gemeistert. Er wurde Gerbergeselle und arbeitete später zeitweise für den Grenzschutz. Er hat seine Herkunftsfamilie nie kennengelernt, hat aber selbst eine große Familie gegründet.Die Frau seines Lebens wurde die 1878 geborene Bertha Junge, Tochter eines Eisenbahnwärters aus Lieth. Der Gerber und die Schneiderin heirateten am 11. Februar 1899 in Hainholz. In den folgenden Jahren wurden die sieben Kinder Erna (1900), Johannes (1901), Paul (1903), Gustav (1904), Willy (1906), Bruno (1908) und Emma (1910) geboren, alle in Elmshorn.

Im Elmshorner Adressbuch war Johannes Laurentius 1900 unter der Adresse Mühlenstraße 26 zu finden, dann zog die junge Familie um in die Kaltenweide 81. Während seiner Tätigkeit im Grenzschutz nahm er in den 1920er Jahren seine Söhne Paul und Gustav gelegentlich mit nach Dänemark. Sein Sohn Bruno starb bereits im Alter von 4 Jahren, die anderen Kinder erreichten alle das Erwachsenenalter und haben geheiratet. Gustav und Willy sind 1945 noch im Krieg gestorben.

Die verschiedenen Familienmitglieder haben immer zusammengehalten, was besonders deutlich wurde, als die Wohnungen von Johannes und Bertha wie auch von Johanna Laurentius, der Ehefrau von Gustav, durch Bomben zerstört wurden. Ohne Wenn und Aber wurden sie von ihren Verwandten in deren Wohnungen aufgenommen. Johannes Laurentius wohnte während des Zweiten Weltkrieges in der Hamburger Henriettenstraße, wo er 1943 ausgebombt wurde. Mit seiner Frau zog er dann in die Gärtnerstraße 72a in Hamburg zu ihrem Onkel Johannes Junge.

Mit seiner Frau Bertha ist Johannes Laurentius alt geworden. Hier sitzen die beiden beim gemütlichen Kaffeetrinken im Garten mit ihrer jüngsten Tochter Emma. Foto: Privatbesitz

Wenige Jahre nach Kriegsende verstarb Johannes Laurentius dort in seiner Küche auf dem Sofa an einem Schlaganfall. Seine Frau Bertha überlebte ihn um 15 Jahre. Die Lebensgeschichte des Königstraßen-Findlings wurde erforscht von seiner Urenkelin Anke, der Enkelin seines Sohnes Gustav. Sie ist 1959 geboren und hatte noch ihre Urgroßmutter Bertha kennenlernen können, ebenso wie ihre Tanten Erna und Emma und ihren Onkel Paul. Johanna Laurentius war ihre Oma; sie nannte ihren Mann Gustav, auf dessen Rückkehr aus dem Krieg sie lebenslang gewartet hatte, liebevoll Guschi. Die passionierte Familienforscherin Anke trägt noch den klangvollen Nachnamen, der dem Findelkind aus der Königstraße vor fast eineinhalb Jahrhunderten gegeben wurde: Laurentius.

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