Christiane „Krischan“ Wehrmann

Krischan und Arno Schmidt in der Königstraße 47

Christiane „Krischan“ Wehrmann mit Zettels Traum“ von Arno Schmidt. Foto E.-G. Scholz

Mit dem 1. August 1968 wurde die Königstraße zu meinem zweiten Zuhause. An dem Tag begann meine dreijährige Ausbildung (Lehre hieß es früher) zur Buchhändlerin in der Buchhandlung Hellmann-Steffen. Anders als heute, brauchte ich damals keine langwierigen Bewerbungsverfahren zu durchlaufen. Von meinem Lehrer an der Handelsschule Hans-Jürgen Lantow wurde ich dem Buchhändlerehepaar Karla und Boje Steffen vermittelt. Meine Zeugnisse musste ich vorlegen und es folgte ein kurzes Bewerbungsgespräch. Danach wurde der Lehrvertrag besiegelt. Die Buchhandlung Hellmann-Steffen befand sich im Haus Königstraße Nr. 47, gegenüber vom Eis Café Victoria. Wir waren insgesamt vier Auszubildende (Lehrlinge): Christel Balwanz (später Storm), Bärbel (?), Marlies Mahnke und ich. Neben den beiden Chefs Karla und Boje Steffen, waren noch der Buchhandelsgehilfe Uwe Mohrdiek und die Angestellte in der Verwaltung  Annie (?) dort beschäftigt. Von nun an ging es jeden Morgen durch die Königstraße – zunächst noch zusammen mit dem Buchhandelsgehilfen – zur Volksbank, Kontoauszüge holen und Überweisungen abgeben. Damals waren die Wände der Elmshorner Volksbank noch mit riesigen Wandgemälden von dem Elmshorner Maler Wilhelm Petersen gestaltet.

Gleich am ersten Ausbildungstag passierte dort in der Bank etwas für mich zunächst sehr Peinliches. Ich traf einen Onkel, der mich mit meinem Spitznamen Krischan begrüßte. Natürlich wurde der sofort von meinem Kollegen aufgegriffen und in der Firma verbreitet. Aber ich gewöhnte mich daran, so genannt zu werden. Manchmal war es sogar lustig. Wenn ich aus den hinteren Arbeitsräumen in den Laden nach vorn gerufen wurde und die Kunden erstaunt reagierten, wenn dann ein junges Mädchen auftauchte.

Die Mittagspause verbrachte ich zumeist auch in der Königstraße, oft ging ich mit weiteren Auszubildenden zu Café Koch. Bei einer Tasse Kaffee saßen wir dort und lasen, vor allem auch Zeitungen. Mir wurden der „Spiegel“ und „Die Zeit“ als wichtige Informationsquellen nahegelegt. „Der Papst und die Pille“ lautete der Spiegeltitel an diesem ersten Montag im August 1968. Ich sog die Informationen begierig auf. Bis zur Beginn der Ausbildung war ich durch die Schule zwar sensibilisiert, in Bezug auf aktuelle politischen Themen aber total unerfahren und naiv. Ich las, was mir in die Finger kam aber bei den Diskussionen hörte ich vor allem zu. Im nahen Hamburg gingen die Studenten der Außerparlamentarischen Opposition (APO) auf die Straße. Mit deren Aussagen solidarisierte ich mich, ohne die gesellschaftspolitischen Hintergründe wirklich zu verstehen.

Eine besondere Situation erinnere ich, als wir Auszubildenden das Schaufenster der Buchhandlung Hellmann-Steffen, das zur Königstraße lag, zum Thema Politik neu dekorieren sollten. Wir wollten etwas Provokatives wagen und wählten als zentralen Blickpunkt das Diogenes Plakat von Chaval „Esst Scheiße – 10 Millionen Fliegen können nicht irren“ – darum herum lauter Titel mit aktuellen Politikthemen. Wir fanden es von unseren Chefs ziemlich tolerant, uns so frei agieren zu lassen.

Von meinem ersten Ausbildungsgehalt kaufte ich mir einen roten Rollkragenpullover bei Pulli Brosch. Der kleine Laden lag schräg gegenüber in der Königstraße / Ecke Peterstraße.

1969 erfolgte ein Umbau der Buchhandlung, was eine Standortveränderung  von der Königstraße in den seitlichen „Streckers Gang“, der zum Torhaus führt, nach sich zog. Während der Bauphase wurden zunächst unsere Arbeitsräume in den ersten Stock verlegt. Hier entstand das Foto mit dem Dumont Art Kalender für 1970. Von dort oben hatte man eine gute Aussicht in die belebte Elmshorner Hauptstraße und insbesondere auf die Eisdiele. Einmal beobachtete ich, wie der junge Eisverkäufer einen Brief aus der Tasche zog, öffnete, las und dann ganz traurig das Gesicht verzog und anfing zu weinen. Ich stellte mir vor, dass er ziemliches Heimweh nach Zuhause in Italien hatte. Er tat mir leid.

Die neuen Räumlichkeiten in „Streckers Gang“ waren sehr viel geräumiger und verfügten über mehr Platz, um das Buchangebot großzügig zu präsentieren. Unsere Arbeitsräume lagen im Keller, erreichbar über eine Wendeltreppe.

1970 erschien das außergewöhnlichste Buch meiner Ausbildungszeit: Arno Schmidts  „Zettel`s Traum“ – schon allein wegen seines DIN A 3 Formates. Der  schwere Foliant ist auch inhaltlich schwer verdaulich. Der Titel bezieht sich auf den Weber Niklaus Zettel aus Shakespeares „Sommernachtstraum“. Die Handlung spielt 1968 in der Ostheide bei Celle. Daniel Pagenstecher hat das Übersetzerehepaar Paul und Wilma Jakobi mit Tochter Franziska zu Besuch. Breiten Raum nehmen die Gespräche der Erwachsenen über den amerikanischen Schriftsteller Edgar Allen Poe und dessen psychischer Zustand ein. Dass ein so besonderes Buch in der Buchhandlung Hellmann-Steffen in Elmshorn angeboten wurde, war dann auch ein Bericht in den Elmshorner Nachrichten mit einem Pressefoto wert.

Die Königstraße wurde für mich viele Jahre später während meiner zweiten beruflichen Tätigkeit als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Elmshorn (1993 bis 2011) noch einmal zu einem „heißen Pflaster“. In den 1990er Jahren habe ich zusammen mit dem Frauennetzwerk jährlich den „Internationalen Frauentag“ am 8. März genutzt, um in der Königstraße unter anderem für „Gleiche Rechte“, „Gegen Gewalt gegen Frauen“, für „Gleichwertige Bezahlung“ zu demonstrieren und vor der Nikolaikirche als „Frauen in Schwarz“ gegen den Krieg im ehemaligen Jugoslawien zu mahnen.

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