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Die Firma Boldt in der Königstraße 59 und 61 | Sturmflut

Bauzeit: n.n.
Bauherr: n.n.
Architekt: n.n.

Von ursprünglich vielen Haushaltswarengeschäften in der Königstraße existiert heute keines mehr. Der Einzelhandel ging in den letzten Jahrzehnten stetig zurück, da er zunächst der Konkurrenz großer Kaufhausketten, später des Onlinehandels nicht standhalten konnte. In den 1960er Jahren jedoch war das Geschäft „Adolf Boldt“ in der Königstraße 59 und 61 gut frequentiert. Die Firmeninhaber ließen die Verkaufsräume des Hauses 59 im Jahr 1965 modernisieren und umbauen. Gisela Neels, (geborene Boldt) erinnert sich an den Umbau des Geschäftes und die Sturmfluten 1962 und 65. Informationen zur Firmengeschichte erhalten Sie unter Hausnummer 61.

Das Wasser ist bereits abgelaufen, die Schaufenster mit den Flutschäden in den Geschäften noch verhängt. Sturmflut in der Königstraße 1962, Leihgabe Neels.

1962 hatten wir ja die große Flut und da sind wir völlig abgesoffen. Wir hatten immer im Keller auch Verkaufsräume, bis zum Schluss. Der ganze Keller hatte Glas, Porzellan, Badewannen, Eimer – größere Sachen eben. Und dann kam die Flut. Die kam nicht als erstes durch die Königstraße, sondern von der Krückau – die ja hinter uns war – durch die Erde und schoss dann aus den Wänden. Und dann lief erst der Keller voll bis wir merkten, dass Flut war. 1962 räumten wir dann noch wieder alles auf.

1965 haben wir dann die Verkaufsräume in der Königstraße 59 umgebaut. Den Keller und das Erdgeschoss. Das Haus wurde abgestützt und alles ist rausgerissen worden. Es gab eine Drainage um das Haus und Pumpen, die im Notfall angeschmissen werden sollten.

Als die Krückau 1962 und 65 über die Ufer trat, lief das Wasser zuerst in die Gärten der südlichen Königstraße. In der Mitte Haus 59 der Familie Boldt. Auf dem Boden des Gebäudes in der Königstraße 57 (rechts mit Markise) lagerte die Firma Boldt auf einem angemieteten Boden das Porzellan für den Verkauf. Leihgabe Neels.

Verkauf trotz Umbau

Während des Umbaus haben wir weiter verkauft. Da haben wir nur den Eingang von Haus 61 aufgemacht. Die Kasse und sowas wurde alles rüber geholt. Die Waren mussten dann aus dem Lager geholt werden. Dafür ging es jedes Mal über die Baustelle, dann von außen auf den Dachboden rauf, das Spiel holen –  oder was auch immer – und dann wieder über den Bau und wieder in den Laden zurück. Oder eben nach hinten raus und zu dem Porzellanboden, den wir im Nachbargebäude anmieteten, und das von da holen. Also das war schon ganz schön mühselig! Aber wir haben den Laden die ganze Zeit aufgehabt.

Der Eingang des Hauses wurde dann auch tiefer gelegt, damit wir die Treppen zum Ladeneingang nicht mehr hatten. Da war nur noch eine Stufe nachher. Und natürlich alles modernisiert und so weiter. Das war 1965. Und dann wollten wir im November Einweihung feiern, da waren dann die Geschäftspartner, also Vertreter und Firmen eingeladen, wie das meistens so ist, am nächsten Tag dann offizielle Kundeneröffnung. Aber da kam leider auch wieder die Flut.

Die Sturmfluten in den 1960er Jahren überspülten nicht nur das gesamte Südufer…, Leihgabe Neels.
… auch in der Königstraße stand das Wasser. Leihgabe Neels.

„Das Wasser steht schon wieder im Keller“

Ich bin – wie es zu der Zeit war, schwarzes Kostüm an und dann noch beim Friseur angemeldet vorher, der war auf dem Bauerweg – morgens sogar noch am Hafen vorbei gelaufen und habe gesehen, dass das Hafenbecken vollläuft. Aber sonst war von der Flut eben noch nichts zu bemerken. Ich komm dann beim Friseur an und seh meine Tante da unter der Haube sitzen mit Tränen im Gesicht. Ich frag sie ‚Was ist denn nun los?‘ ja und sie: ‚Das Wasser steht schon wieder im Keller‘. Und ich sag ‚Nein, das gibt’s doch nicht!‘

Wir hatten ja alles neu gemacht. Wirklich ganz toll alles. Wir haben den Abend vorher bis zwölf/halb eins noch den Laden eingeräumt und Fenster dekoriert und alles für den großen Tag – und dann das.

Und ich Dussel, heute sag ich Dussel, hab mich dann auch noch frisieren lassen. Was für ein Quatsch im Nachhinein! Naja, auf jeden Fall sind wir dann zur Firma und da war die Königstraße dann ja auch schon voll Wasser. Von dort riefen wir die Tischlerei Siegfried Bühler an. Die waren auf Klostersande und haben damals die Ladeneinrichtung gemacht und alles mit eingebaut. Die sind dann gekommen und haben alles wieder rausgerissen.

Ich weiß gar nicht, wo wir all das Geschirr damals gelassen haben. Das müssen wir ja einfach auf den Boden gestellt haben. Die Regale waren nämlich alle mit Resopal bezogen und das Wasser hätte sie alle aufgequollen. Das musste also alles wieder raus.

Das Erd- und Untergeschoss des Hauses 59 wurden unmittelbar vor der Sturmflut 1965 renoviert und erhielten neue Ladeneinrichtungen. 1965, Leihgabe Boldt-Schweiger.

Barfuß durch die Königstraße

Und ich habe dann – es war ja mein ehemaliges zu Hause – meinen Kostümrock ausgezogen, gleich wie ich gekommen bin, und einen alten Tweedrock an und dann hieß es plötzlich aus dem Keller ‚Wir brauchen noch mehr Hammer!‘ und naja, ich sag ‚Ich hol welche!‘ und dann natürlich über die Königstraße. Aber es war schon Wasser in der Königstraße. Und ich dann ohne Schuhe, denn die wären ja nass geworden, in Rock und Strumpfhose rüber zu Heim und Nielsen und hab dann erstmal Hammer und sowas nachgeholt, damit die weiter arbeiten konnte.

Schräg gegenüber der Firma Boldt, in der Königstraße 52, befand sich das Eisenwarengeschäft Heim und Nielsen. Leihgabe Neels.

Der Keller ist trotzdem noch vollgelaufen. Das Wasser kam aus den Steckdosen! Das muss man sich mal vorstellen, was da alles kaputt war! Obwohl wir die Drainage und die Pumpen hatten. Das hat alles nicht funktioniert. Der Boden, der ist richtig aufgebrochen. Und das nach einem halben Jahr Umbau. Das war ganz schön hart für meinen Vater und meinen Onkel. Mein Onkel hat das komplette halbe Jahr mit dem Bau zugebracht. Den haben wir nachher gesucht, der saß dann hinten – wir hatten bei Meyn nebenan den Boden gemietet und da hatten wir Porzellan gelagert – da saß er dann und wusste nicht mehr wohin. Ich hab gedacht, der ist gleich bereit für Schleswig. Da kann man natürlich auch verzweifeln. Dann mussten wir auch noch aus der Wohnung raus – also ich wohnte da ja schon nicht mehr, aber meine Tante, mein Onkel und meine beiden Cousinen, die mussten zu der Oma rüber ziehen. Die hat in dem Nebenhaus gewohnt. Denn sie hatten Angst, das mit der Gasleitung was war. Und dann mussten sie ein paar Tage da raus. Ja – da haben wir allerlei durchgemacht mit dem Kram da.

Eröffnung in Gummistiefeln

Die Eröffnung war ja für die Geschäftsleute gedacht, aber da wir ja noch Wasser in der Königstraße hatten – und bei uns im Keller – konnten die Leute nicht rüber kommen. Die standen bei Möhring im Gang mit ihren Blumen in der Hand – die Vertreter und so weiter – und konnten nicht rüber kommen.

Und dann waren manche ganz schön plietsch! Die sind in die Marktstraße gegangen und haben sich bei von der Heyde, einem Schuhgeschäft, Gummistiefel gekauft und sind dann rüber gekommen. Die waren wirklich ganz toll! Und so gab es dann doch eine Eröffnung. Die Verbindung war ja auch ganz anders damals. Das war schon alles familiärer als dieses namenlose heute. Es waren ganz andere Kontakte.

Im Keller schipperte das Geschirr

An die Flut 1962 habe ich noch eine Erinnerung: Im Keller des Hauses 59 waren die Verkaufsräume mit dem Geschirr. Der war nun voll Wasser gelaufen und da schwappte es schon über die Treppe ins Erdgeschoss. Und da geht dann jemand von uns hin – man hörte ja nur das Schippern von unten mit dem Geschirr – stellt sich da hin und rief: ‚Ist da jemand?‘

Kann man mal sehen, wie wir da mit den Nerven zu Fuß waren! Überhaupt nicht dran gedacht, dass da keiner sein konnte, weil das Wasser stand ja bis oben. Da denken wir so oft noch dran! Das sind so Kleinigkeiten, die dann in der Erinnerung bleiben. Gott sei Dank kann man da heute drüber lachen. Aber das war eine verdammt harte Zeit.

Das Geschäft der Königstraße 59 im Juli 1950, noch vor den Umbaumaßnahmen. Im Hintergrund die Treppe, die zu den Glas- und Porzellanwaren im Untergeschoss führt. Leihgabe Neels.

Uns hat die Flut 1965 damals materiell schlimmer getroffen. Da ist so viel kaputt gegangen, bevor es überhaupt gebraucht werden konnte. Das sind ja nachher die Schwierigkeiten. Wer kommt dafür auf? Das sind Naturgewalten, entsprechende Versicherungen gab es zu der Zeit noch nicht.

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