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Radio Wichmann

1936 eröffneten Hans Wichmann und Ehefrau Berta, geb. Jürgensen, in der Königstraße 50 das Radiospezialgeschäft „Radio Wichmann“. Bis zur Währungsreform 1948 führten sie dort hauptsächlich Radio-Reparaturen durch, ein weiteres Standbein war die Vermietung von Lautsprecherwagen. Ab den 1950er Jahren hatte Wichmann neben Radios schließlich auch Fernseher und Schallplatten im Sortiment.

Das Radio Wichmann-Team vor dem Ladengeschäft im Jahr 1948. Hinten mittig Hans Wichmann, vorne dessen Tochter Christel Wichmann.
Foto: Sammlung IME

Kurz nach dem Umzug in die Königstraße wurde Hans Wichmann zum Wehrdienst abgezogen. Währenddessen führte Wichmanns Ehefrau Berta das Geschäft. Später stieg Tochter Christel in den Betrieb ein. 1946 stellte Hans Wichmann Otto Plump ein, der nach Hans Wichmanns Tod im Jahr 1961 die Geschäftsführung übernahm. Viele Jahre lenkten Christel Wichmann, Otto Plump und dessen Ehefrau zu dritt die Geschicke von „Radio Wichmann“.

Zur Sturmflut im Februar 1962 drangen die Wassermassen bis zu einer Höhe von 1,50 m in den Laden ein. Foto: Sammlung IME

Zusätzlich betrieb die Familie Wichmann ab 1957 eine Filiale in Krempe, die jedoch 1967 aufgegeben wurde.

Auch von der Sturmflut 1962 war „Radio Wichmann“ massiv betroffen. Der wirtschaftliche Schaden war enorm, da die technischen Geräte, Phonomöbel und sonstige Ware durch die Wassermassen unrettbar beschädigt wurden. Zeitzeugenberichten zufolge sah man diese sogar die Königstraße hinunterschwimmen!

Abgesehen von der Flutkatastrophe, die auch für viele andere Einzelhändler in der Königstraße massiv existenzbedrohend wurde, war Wichmanns Geschäftserfolg auch von der örtlichen Konkurrenz abhängig. Ein unternehmerisches Risiko waren über all die Jahre die Entwicklungen in der Radio-, Fernseh- und Musikbranche, vor allem aber das Aufkommen von Großhandelsunternehmen.

Nach dem Tod von Berta Wichmann im Jahr 1980 entschied Tochter Christel, in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen. Sie übergab das Geschäft zum 6. Januar 1981 an Marlies und Manfred Broscheit. Mit dem Aufkommen von Video- und Hifi-Riesen konnte das inhabergeführte Geschäft jedoch nicht mithalten. Zum 30. September 1986 gaben die Broscheits das Geschäft auf.

Die Konkurrenz schläft nicht: I.P.H. Kröger, Oberhellmann und Radio Dörr

Bevor das Radio ab den 1920er Jahren allmählich zum Massenmedium wurde, war Zeitungslesen, Hausmusik und Musik von der Schallplatte verbreitet.

In Elmshorn handelte die Firma I.P.H. Kröger in der Schulstraße spätestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts mit „Musikwerken“. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Firma verstärkt auch Radiogeräte aus dem Umland in Reparatur und firmierte schließlich als I.P.H. Kröger „Radio­ und Musikwaren“.

Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg gab es mit Alfred Becherer in der Königstraße 57 einen weiteren Konkurrenten, der eine Reparaturwerkstatt für elektro- und radiotechnische Geräte betrieb. Karl Fleischer verkaufte ab 1950 in der Königstraße 22 Rundfunk- und Elektroapparate, hatte aber auch Fahrräder im Angebot.

Ein weiterer – zunächst kleinerer – Konkurrent von Radio Wichmann aus dem unmittelbaren Umfeld war die Firma Oberhellmann. Bis Oberhellmann 1962 das Radiogeschäft „Televisa“ in der Holstenstraße eröffnete, betrieb die Firma zunächst eine Radio-Reparaturwerkstatt im Hinterhof der Königstraße 23.

1957 bekam Radio Wichmann einen weiteren Konkurrenten im Einzugsgebiet der Königstraße. So gründete „Radio Dörr“ am Bahnhof Elmshorn eine Filiale seines Stammgeschäfts in Tornesch. 1964 eröffneten Ursula und Fritz Dörr schließlich in der Königstraße 2 ein größeres und modernisiertes Ladengeschäft, in dem es Radios, Fernseher und Schallplatten im Angebot gab.

Da Radio Wichmann aufgrund der örtlichen Konkurrenz und der wachsenden Produktvielfalt im Radio,-Fernseh- und Musikgeschäft größere Präsentationsräume benötigte, entschied die Geschäftsführung 1963 mit der Kremper Filiale in eine größere Ladenfläche umzuziehen.

Fernsehgeräte waren ab 1951 bei Radio Wichmann zu haben

Ab 1951 gab es bei Radio Wichmann die ersten Fernsehmodelle zu kaufen. Die Faszination für das neue Medium Fernsehen, die die Bundesrepublik erfasst hatte, nutzte der technikbegeisterte Hans Wichmann für spektakuläre Marketingaktionen. So zeigte er im Verkaufsraum und in den Schaufenstern Fernsehübertragungen und stellte in einer Gaststätte in Kollmar die Funktionsweise dieser neuen Technik vor. Als 1967 der Startschuss für das Farbfernsehen fiel, standen kurz darauf auch in den Elmshorner Radiogeschäften die ersten Farbfernseher zum Verkauf. Mit einem Preis von 2.300 bis 2.500 DM waren Farbfernseher zu jener Zeit jedoch noch ein Luxusgut.

Vom 20.7. – 2.8.1952 ließ Hans Wichmann auf drei Fernsehgeräten im Schaufenster täglich die Olympiade in Helsinki übertragen.
Foto: Sammlung IME
Fernsehen war bis Mitte der 1950er Jahre ein echtes Ereignis, zu dem sich die Elmshorner vor den Radiogeschäften versammelten.
Foto: P. Koopmann, StA Elmshorn

Die 1950er und 1960er Jahre: Ausbau des Sortiments, des Ladengeschäftes
und Kundendienstes in der Königstraße

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges produzierten deutsche Hersteller und Firmen aus dem Ausland in rascher Abfolge neue Radio-Modelle. Ab Ende der 1940er Jahre präsentierten Radio Wichmann und andere Radiogeschäfte eine erweiterte Produktpalette in Schaufenstern und Geschäftsräumen. Ab 1951 verkaufte Wichmann die ersten Fernsehgeräte. Auch der Schallplattenmarkt erlebte einen Boom.

Musik hörte die Elmshorner Bevölkerung bis Ende der 1950er Jahre auf Veranstaltungen in Gaststätten, in Tanzschulen, via Musiksendungen im Radio oder Fernsehen – oder in Radiogeschäften. Auch Radio Wichmann eröffnete am 5. November 1955 die erste „Schallplattenbar“, die Mitte der 1960er Jahre vergrößert wurde.

Schallplattenbar nach der Erweiterung des Geschäfts, aufgenommen im Jahr 1968. Foto: E.-G. Scholz

Sämtliche Radiogeschäfte in Elmshorn stellten sich im Laufe der Jahrzehnte auf wandelnde Zielgruppen und Musikgeschmäcker ein. Schallplattenbars wurden zum Treffpunkt für Jung und Alt, an denen man mehrere Stunden der Freizeit mit dem Hören von Neuerscheinungen verbrachte.

Gleich zwei Mal, erstmals 1958, wurden die Geschäftsräume in der Königstraße 50 vergrößert. Immer wieder baute Radio Wichmann auch seinen Kundendienst aus: 1958 gab es dort bereits drei Kundendienstwagen für Reparaturen im Schnelldienst. Im September 1964 erweiterten sie mit der Übernahme der nach links angrenzenden Geschäftsräume, vormals Kaisers Kaffeegeschäft, die Verkaufsfläche und schufen Platz für eine neue Schallplatten-Bar. In jenen Jahren beschäftigte Wichmann 20 Fachkräfte.

Radio Wichmann in der Königstraße 50 im Jahr 1968. Um die Verkaufsräume für Fernseher und Schallplatten zu erweitern, übernahm die Firma 1964 die benachbarten Geschäftsräume von Kaisers Kaffeegeschäft. Foto: E.-G. Scholz

Ab Mitte der 1960er Jahre waren die meisten der Elmshorner Haushalte mit eigenen Fernsehgeräten ausgestattet. Da wiederkehrende technische Schwierigkeiten den ungetrübten Fernsehgenuss schmälerten, reagierte die Branche auch hier mit dem Ausbau des Kundendienstes. Und auch Wichmann warb seit September 1964 mit dem Werbeslogan: „Kein Bild – kein Ton – wir kommen schon.“

Aufgrund des ständig härter werdenden Wettbewerbs in der Branche waren bald neue Einkaufs- und Vertriebskonzepte gefragt. 1976 gründete Wichmann mit der „Weltfunk Fachhandelsgemeinschaft e.V. eine Einkaufsgenossenschaft. Auch die anderen Radiogeschäfte in Elmshorn schlossen sich Einkaufsgenossenschaften an.

Verstärkt seit den 1960er Jahren mussten sich deutsche Hersteller gegen ausländische Marken, zunächst aus Norwegen und Dänemark, behaupten, deren Design moderner war. Zu sehen ist der langjährige Mitarbeiter Otto Plump, seit 1961 Geschäftsführer bei Radio Wichmann. Er bedient eine Stereoanlage des dänischen Herstellers Bang & Olufsen. Aufnahme aus dem Jahr 1968. Foto: E.-G. Scholz
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