48

„Eis Vittoria“ I Wie Elmshorn auf den Geschmack von Cappuccino kam

Bis zum Umbau zum Eiscafé mit Terrasse zur Königstraße führte Angelo Vittoria die Bezeichnung Eisdiele. In den 1960er Jahren ließ er schließlich den Neon-Schriftzug „Eis Vittoria“ anbringen. Foto: Privatbesitz

Dass Einheimische wie Gäste Elmshorns auf den Geschmack von Cappuccino kamen, ist einer Motorradfahrt zu verdanken. Denn genau dort, wo Moto-Hausschildt noch bis 1955 einen Handel mit Werkstatt betrieben hatte, erfüllte sich 1961 Angelo Vittorias Traum von einer neuen Eisdiele. Hier sollte er ein Jahrzehnt später italienische Kaffeespezialitäten servieren. Seit 1988 führt Angelos Sohn Fabio mit Geschick und Charme die Geschäfte.

1959 hatte sich Angelo Vittoria von Italien aus mit dem Motorrad aufgemacht, um in ganz Deutschland nach einem geeigneten Ladenlokal für sein Vorhaben zu suchen. Fündig wurde er in Elmshorn!

Der Duft der Kaffeebohne wehte übrigens schon 1955 durch das Haus Königstraße 48. Im Mai 1955 erwarb Konsul Werner Limberg, Betreiber der Großrösterei „Übersee-Kaffee“ (Hamburg), das Gebäude und richtete dort ein Kaffeegeschäft ein.

Übersee-Kaffee

Königstraße 48 im Jahr 1964: Links an Radio Wichmann (Königstraße 50) grenzte mit Kaiser´s Kaffee-Geschäft (50a) ein direkter Konkurrent an. Kurz darauf schloss Kaiser´s die Filiale. Foto: E.-G. Scholz

Direkt nach der Währungsreform 1948 hatte Werner Limberg damit begonnen, Verkaufsstellen für „Übersee-Kaffee“-Produkte einzurichten. Als er 1955 nach Elmshorn kam, gab es schon über 60 Filialen in Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Auch Pinneberg hatte bereits eine Übersee-Kaffee-Filiale.

Zusammen mit dem Kaufmann Walter Jaeschke aus Hamburg eröffnete Limberg am 2. Dezember 1955 in der Königstraße 48 die erste, und zeitlebens einzige, Verkaufsstelle für Übersee-Kaffee in Elmshorn. Als besondere Werbemaßnahme gab es an diesem Tag eine kostenlose Tassenprobe, „kredenzt von Herrn Generalkonsul M. Boucherau, Haiti“. Die Filiale führte Kaffee, Tee, Kakao, Kaffeezusätze und Filterpapier im Sortiment.

1963 verkaufte Limberg das Haus Königstraße 48 an eine Dame aus der Hamburger Gesellschaft. Von dieser kaufte es der langjährige Mieter, Angelo Vittoria, 1970 schließlich ab. Übersee-Kaffee schloss die Filiale und Vittoria bespielte im Zuge der Erweiterung und Umgestaltung zum Eiscafé 1972/1973 deren frühere Geschäftsräume.

Eisdielen und Eiscafés in Elmshorn

Eröffnungstag in der Eisdiele Vittoria am 15. März 1961. Der Gründer Angelo Vittoria und sein erstes Stammpersonal, Elena C. und T. de Martini, im Hintergrund die Eismaschine. Foto: Privatbesitz

Am 15. März 1961 eröffnete Angelo Vittoria in der Königstraße 48 seine erste Eisdiele in Elmshorn. Zunächst waren die Elmshorner*innen vorsichtig bis misstrauisch ob dieser Neugründung.

Schließlich sorgte Vittorias hausgemachtes Eis doch für wachsende Begeisterung. Vielleicht hat auch die Italienbegeisterung der Deutschen, die Italien als Reiseland entdeckten, zum Erfolg der Eisdiele beigetragen. So ließ sich dieser Tend auch in zahlreichen anderen deutschen Städten beobachten, in denen italienische Gastarbeiter*innen ab den 1950er Jahren Eisdielen gegründet hatten.

In Elmshorn gab es bereits 1951 mit der Café-Bar „Eisbär“ auf dem Holstenplatz die erste ortsfeste Eisdiele der Stadt. Als Angelo Vittoria auf seinem Motorrad in der Stadt ankam, gab es den Eisbär schon nicht mehr. Doch kamen ortsansässige Konditoreien in den 1950er Jahren allmählich auf die Idee, Eis in ihr Sortiment aufzunehmen.

Für leckeres Eis und Eisbomben, die man sich auch nach Hause liefern lassen konnte, war Café Koch bekannt. Als die große Flutkatastrophe 1962 deren Räumlichkeiten vollständig zerstörte, entschloss sich Familie Koch allerdings, den Eisverkauf wieder aufzugeben.

1962 gab es in der Mühlenstraße und in der Peterstraße bereits zwei Eiscafés, die von Ortsansässigen betrieben wurden. Auch hatte die ehemalige Konditorei Martensen am Alten Markt Anfang der 1960er Jahre zum Eiscafé umfirmiert. In der Holstenstraße hatte Angelo Vittoria mit Ferrer und Pietro Tabacchi nur vorübergehend zwei italienische Eismacher zur Konkurrenz.

Der Geschmack Italiens in der Königstraße

Italienische Heißgetränke waren bis Ende der 1960er Jahre in Elmshorn noch nicht verbreitet. Während sämtliche Eiscafés, in denen „einfacher Kaffee“ ausgeschenkt wurde, im Umfeld der Königstraße schlossen, ließ sich Angelo Vittoria etwas Besonderes einfallen. Er investierte Ende der 1960er Jahre in die Espressomaschine E 61 der italienischen Firma FAEMA, ein Gerät, das bis heute als Rolls Royce unter den Espressomaschinen gilt!

Zunächst gab es „nur“ „Espresso-Kaffee“, später dann Cappuccino, Caffè Latte und Latte Macchiato. Mit dem Kombiangebot von Eis- und Kaffeespezialitäten brachte Vittorio italienisches Lebensgefühl in die Königstraße und machte sich einen Namen als „Eiscafé“.

Doch damit nicht genug: Im Zuge des Umbaus der Königstraße zur Fußgängerzone 1972 erweiterte Vittoria sein Geschäft und ließ in die Königstraße hinein eine Terrasse mit Sitzplätzen bauen. Seinen Kaffee im Freien zu genießen – das hatte es in der stark befahrenen Königstraße noch nicht gegeben!

Seitdem gründete Familie Vittoria zahlreiche Filialen: 1983 die „Eisboutique Vittoria“ in der Holstenstraße 4, 1996 das Eiscafè Vittoria am Alten Markt 13. Im Jahr 2011 folgte eine Niederlassung bei Edeka Hayunga´s, 2014 eröffneten Vittorias unter ihrem Namen in Rellingen (Hauptstraße 80), 2015 schließlich in Barmstedt (Am Alten Markt 9) zwei weitere Eiscafés.

Im Stammgeschäft begrüßt der Geschäftsführer Fabio Vittoria täglich persönlich die Gäste. Auch die beiden saisonbetriebenen Eis-Pavillons zwischen Altem Markt und Holstenplatz – für „das schnelle Eis unterwegs“ – sind in Elmshorn ein echter Geheimtipp.

Das zur Königstraße durch eine Außensitzfläche erweiterte Eiscafé Vittoria, 1973. Foto: Privatbesitz
Innenausstattung nach dem Ausbau, 1973. Immer wieder passten die Vittorias ihre Ausstattung dem Zeitgeschmack an. Foto: Privatbesitz
Ein Traum in Plastik: Die Stühle waren ein Designklassiker der 1980er Jahre. Foto: StA Elmshorn, Fotograf: Placzek

Berühmt berüchtigt: die Eis-Pavillons zwischen Altem Markt und Holstenplatz

Der grüne achteckige Eispavillon am Alten Markt im Jahr 2005. Foto: E.-G. Scholz

1978 eröffnete Familie Vittoria einen grünen, achteckigen Eis-Pavillon am Alten Markt. Nachdem dieser einem Brand zum Opfer fiel, ließ Fabio Vittoria an selber Stelle einen größeren, gläsernen Pavillon bauen, der im Juli 2009 eröffnet wurde. Entworfen wurde er vom Elmshorner Architekten Jürgen Mohr. Fortan boten sich den Gästen 28 Innen- und 106 Außen-Sitzplätze.

Einen weiteren Eis-Pavillon, der bis heute den Namen „Op de Kö“ trägt, kaufte Familie Vittoria im Jahr 1982. Seit 1980 stand das grün lackierte Exemplar vor dem Telekom-Gebäude, musste allerdings 2004/2005 im Zuge der neuerlichen Umgestaltung der Königstraße weichen.

Die Idee zu „Op de Kö“ kam von Werner Fleig, zu jener Zeit Betreiber des Café Koch in der Königstraße 20. Er realisierte ihn mit Unterstützung und Wohlwollen des damals amtierenden Bürgermeisters Dr. Dietmar Lutz. Von der Elmshorner Schlosserei Ernst Erbst ließ Fleig ein stabiles Häuschen mit Metallgerüst bauen. Der auffällig grün lackierte Pavillon diente als Imbiss-Station für Hot Dogs und Hamburger. Als der Burgerladen „Kochlöffel“ in der Königstraße eröffnete, lohnte dieses Geschäft schließlich nicht mehr. Auch zog sich Fleig Anfang der 1980er Jahre allmählich aus der Gastronomie zurück. Familie Vittoria kaufte „Op de Kö“ und funktionierte das Häuschen zum Eis-Pavillon um.

Im Rahmen der baulichen Umgestaltung der Königstraße ab 2004 initiierte Fabio Vittorio schließlich den Umzug des Pavillons, der am 1. März 2005 am neuen Ort zwischen Bahnhof und Holstenstraße wiedereröffnete.

Der frisch eröffnete Eispavillon „Op de Kö“, 1982. Foto: S. Rohr
Scroll to Top