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Nach 375 Jahren Geschichte: Ein Doppelhaus steht leer

Das Doppelhaus Königstraße 39-41 wurde 1884 erbaut. Der Vorgängerbau war ein 1645 errichtetes Bauernhaus. Die Straße hieß damals noch Wedenkamp und war kaum bebaut. Der nächste Nachbar nach Osten war das Pastorat (heute in etwa Königstraße 29, Gebäude der Deutschen Telekom). Zwischen diesen beiden Gebäuden war unbebaute Wiese.

Gesche Marcks von der „Vereinigung für Familienkunde Elmshorn“ hat das Doppelhaus, das ihrer Familie gehörte, anhand der Urkunden erforscht.

„Am 13. Juli 1645 kauft der Ehrenfeste und Wohlführnehme Herr Magnus Boityn, Fürstl. Schleswig Holsteinig. Verordneter Haußvogt zu Barmstedt, von Johann Frey die ‚Freyheit’, gelegen zwischen Frerk Wulffs Haus und dem des Herrn Magister am Wedenkamp.“ Auf den heutigen Stadtplan übertragen sind das die Grundstücke Königstraße 33-41.

Im Dezember des gleichen Jahres kauft er des „Clauß Thamßen wüste Hofstede, belegen zwischen die Elmshorner beiden Awen“ (die Krückau hatte damals noch einen zweiten Seitenarm, heute Schauenburger Straße) und weitere dazugehörige Ländereien von Peter Kruse in Raa, der diesen im Dreißigjährigen Krieg „wüstgefallenen Hof“ seinerseits kurz vorher erworben hatte. Wiederum auf den heutigen Stadtplan übertragen, liegt das Gelände zwischen dem Südufer der Krückau, der Schauenburgerstraße, der Straße Vormstegen und der Markthalle. Die Gebäude des Clauß Thamßen haben auf einer Wurt am Südufer der Krückau gelegen, etwa im Bereich des Torhauses. Diese Gebäude werden aber nie wieder aufgebaut; vielmehr baut Magnus Boityn sich ein Bauernhaus am Wedenkamp, dort wo heute das Grundstück Königstraße 39-41 liegt.

Foto: Carsten Petersen (cpe) 20101208 Königstraße Fassaden Ramelow Leerstand

Mit diesem Grunderwerb schafft er eine Besitzung, deren wechselhafte Geschichte gleichzeitig auch die Geschichte des Fleckens Elmshorn widerspiegelt. Dessen Kern- und Reststück ist das Grundstück Königstraße 39-41.

Für Magnus Boytin ist dieser Grunderwerb eher eine Kapitalanlage, denn schon vier Jahre später verkauft er den gesamten Besitz für 5.000 Mark lübsch an den Hamburger Peter Pernolje. Dennoch sind die im Vertrag von 1649 aufgeführten Mengen an Getreide und Vieh Zeugen dafür, dass dieses – vor dem Pastorat – letzte Anwesen am Wedenkamp ein landwirtschaftlicher Betrieb war.

Sechs Jahre später ist sein ältester Sohn herangewachsen und möchte die „Ehr- und viel Tugendreiche“ Elisabeth Margaretha Prüßing, die Tochter des Besitzers des Großen Hauses, heiraten. In dem Ehevertrag mit ihrem Vater wird ein Brautschatz von 1.500 Mark lübsch festgelegt. Bis 1674 lebt das Ehepaar in dem Haus am Wedenkamp, dann stirbt der Ehemann.

Mehr als zehn Jahre bleibt Frau Pernolje Witwe, dann heiratet sie 1685 den Medicinus Practicus Simon Warbolt. Dieser verkauft 1688 das Haus mit allen Ländereien, Vieh und Arbeitsgeräten an Johann Piening aus Raa. Nach nur fünf Jahren gibt dieser den Besitz weiter an seinen Bruder Thies Piening.

Thies Piening und seine Frau Mettje bewirtschaften den Hof am Ende des Fleckens mit der Weide südlich der Au, den Wiesen und Äckern in Raa, Spitzerdorf, Kaltenweide und am Mühlenkamp über zwanzig Jahre, bis Thies Piening stirbt. Seine Witwe arbeitet noch einige Jahre alleine weiter, bis sie ihren Hof 1716 mit den Ländereien, zwei Pferden, zwei Kühen, drei Schweinen und allen Hühnern an ihren Schwiegersohn Hinrich Pape für 3.100 Mark lübsch verkauft.

Inzwischen ist die Einwohnerzahl des Fleckens Elmshorn gestiegen. Der Geburtenüberschuss, die Zuwanderung aus der weiteren Umgebung, vor allem aber die Einwanderung aus den Dörfern der nahen Marsch und Geest erfordern neue Baugrundstücke.

So gibt die Kirche vom Pastoratsland am Wedenkamp Hausplätze ab. Auch Hinrich Pape verkauft 1717 einen Hausplatz am Wedenkamp. Es ist das an das Pastorat angrenzende große Grundstück, das heute die Firma „Ramelow“ besitzt (Königstraße 33-35). Der Käufer ist Zacharias Packendorff, ein aus Sachsen eingewanderter Färber. Er baut sich an der Straße ein Wohnhaus und an der Krückau seinen Färbereibetrieb, der mehrere Generationen in der Familie bleibt.233

1724 verkauft Hinrich Pape einen weiteren Hausplatz an den Uetersener Kaufmann Thiel Göthjens. Das Grundstück liegt zwischen der Straße nach Uetersen und dem langen Steg in der feuchten Krückauniederung. Daher legt er vor dem Bau seines Hauses zunächst einen Hügel an. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts lag dort das Wohnhaus des Lederfabrikanten Strecker (zwischen Torhaus und Marktplatz).

Bereits ein Jahr später stirbt Hinrich Pape im Alter von vierunddreißig Jahren. Seine Witwe heiratet im gleichen Jahr Marten Both. Gemeinsam bewirtschaften sie den Hof, der zunehmend von Handwerksbetrieben umrahmt wird, über dreißig Jahre weiter.

1729 verkaufen sie ein weiteres Grundstück am Wedenkamp an den Tabakspindler (Tabakdreher) Jens Rose. Es ist das kleinere, nicht bis an die Au reichende Grundstück Königstraße 37. Als im Jahre 1763 Marten Boths zweite Frau stirbt, verkauft er seinen Hof und setzt sich zur Ruhe.

Zacharias Packendorff, der Sohn des Firmengründers, leitet inzwischen die Färberei und nimmt die Gelegenheit wahr, seinen Besitz am Wedenkamp zu erweitern. Er kauft Marten Both seine gesamten Ländereien und das Haus am Wedenkamp (Königstraße 39-41) ab. Durch diesen Kauf erreicht das Grundstück, mit Ausnahme der Enklave (Königstraße 37), wieder seine ursprüngliche Größe am Wedenkamp. Zacharias Packendorff zieht in das Bauernhaus, das den zentralen Teil des Grundstückes bildet. Aus dem Vertrag geht hervor, dass außer dem Besitzer auch Häuerlinge (d.h. Mieter) in dem großen Haus wohnen. Da Zacharias Packendorff einen Handwerksbetrieb hat, wird der landwirtschaftliche Betrieb nur noch als Nebenerwerb weiter geführt. 1796 verkauft der 62-jährige Zacharias Packendorff seinen Besitz mit der Färberei an seinen Schwiegersohn August Sieg­mund Leiter.

August Siegmund Leiter führt den Betrieb in die schweren Jahre der Napoleonzeit. Schon die Kontinentalsperre von 1806 und der Staatsbankrott Dänemarks 1813 belasteten die Wirtschaft stark. Hinzu kamen ständige Einquartierungen und Verpflegungen wechselnder Truppen, die viele Einwohner*innen Elmshorns in den Ruin trieben. Auch die Färberei am Wedenkamp ist nicht mehr zu retten. Als August Siegmund Leiter 1817 stirbt, ist seine Firma bankrott.

Es gelingt seinem Sohn Gottlieb Leiter, die eigentliche Färberei (Königstraße 33-35) vom Konkursgericht zu kaufen, während der Schlachtermeister Johann Carl Jacob Schmidt das Bauernhaus (Königstraße 39-41) mit den immer noch zum Grundstück gehörenden Ländereien südlich der Krückau und außerhalb des Ortes kauft. Das Bauernhaus dient nun als Schlachterei und Wohnhaus für die Familie Schmidt und weitere vier Mieter. Nach dem Tode des Schlachters 1829 verkaufen seine sechs Kinder den gesamten Besitz. Bei diesem Verkauf werden die außerhalb des Ortes liegenden Ländereien endgültig von dem Hausgrundstück und der Wiese südlich der Au getrennt. Das Haus und die Wiese jenseits der Krückau kauft Hans Witt, ein Holzkaufmann, der mit seiner Frau in das Wohnhaus einzieht. Der unmittelbar an die Au grenzende Teil der Wiese wird in einen großen Garten mit einem „Lusthaus“ darin umgewandelt, während der Rest der Wiese verpachtet wird. Damit wird von diesem Hausgrundstück aus, das nun auch nicht mehr am Rande, sondern im Flecken liegt, endgültig keine Landwirtschaft mehr betrieben.

1840 stirbt der kinderlose Hans Witt und hinterlässt seiner Witwe Anna Margarethe seinen gesamten Besitz, jedoch auch einen sehr hohen Schuldenberg. Frau Witt kämpft jahrelang um den Erhalt des Besitzes, aber letztendlich muss sie doch aufgeben.

Der Käufer, der 1847 nicht nur das Haus und das Land an der Au, sondern auch die kostbare Inneneinrichtung gegen die Begleichung aller Schulden übernimmt, ist ihr Schwager, der Kaufmann Hinrich Witt. Die zusätzlich vereinbarte standesgemäße Aufnahme der mittellosen Witwe im Hause und der Familie ihres Schwagers endet sehr bald in Streit und einem gerichtlichen Vergleich, der den mit ihrem Fortzug zu zahlenden Ausgleich regelt.

Hinrich Witt erledigt von seinem Haus aus seine kaufmännischen Arbeiten und lebt außerdem von der Pacht des Wiesengeländes und den Mietzahlungen. Das Volkszahlregister von 1860 zeigt die Mieter des Hauses. Neben Hinrich Witt mit seiner Frau und drei Kindern leben dort im Erdgeschoss ein Klempner mit seiner Frau und drei Kindern, ein Barbier mit seiner Frau und zwei Dienstboten. Im oberen Stockwerk wohnt ein Maurer mit seiner Frau und fünf Kindern. Im angebauten Nebenhaus leben eine Wäscherin, ein Tischler mit Frau, ein Schuster mit Frau und vier Kindern und ein Armenhaus-Alumne (Zögling).

Als Hinrich Witt 1876 stirbt, ist aus dem Flecken Elmshorn seit sechs Jahren eine Stadt geworden, welche sich ständig weiter ausdehnt. Durch den Bau der Eisenbahnlinie Kiel – Altona ist die Königstraße, wie der Wedenkamp nun heißt, zu einer wichtigen Verbindung zwischen dem Stadtkern und dem neuen Bahnhof geworden. Dieser Bedeutung entspricht das alte Bauernhaus nicht mehr. Als die Kirche das alte, verfallene Pastorat verkauft und es abgerissen wird, lässt Anna Margaretha Witt, Hinrich Witts Witwe, 1884 auch das alte Bauernhaus abreißen und durch den Neubau ersetzen, der heute auf dem Grundstück Königstraße 39-41 steht.

Mit diesem neuen Doppelhaus passt sich Frau Witt in die geänderte Wirtschaftsform der Königstraße ein. Mit den vier Läden im Erdgeschoss und den darüber liegenden acht Wohnungen ist auch die Zeit der Handwerksbetriebe auf diesem Grundstück vorbei. Im Zentrum des Ortes dient das Haus nun dem Dienstleistungssektor. Alleine der große Garten jenseits der Au und das anschließende Wiesengelände erinnern noch an die Zeit der lockeren Bebauung und an die Landwirtschaft in dieser Gegend.

Das Wiesengelände weicht als nächstes einer städtischen Nutzung. 1890 verkauft Frau Witt einen Teil des Geländes an die Gasanstalt, die seit 1855 den Ort mit der neuen Energiequelle versorgt. 1897 kauft die Stadt den restlichen Teil der Wiese und richtet dort einen neuen Marktplatz ein. Die Straßen um die St. Nikolai-Kirche sind zum Abhalten der Wochen- und Jahrmärkte nicht mehr geeignet.

Nun besteht der Besitz nur noch aus dem Wohn- und Geschäftshaus an der Königstraße und einem großen Garten jenseits der Krückau, der den Hauseigentümern Ruhe und Erholung mitten in der Stadt bietet. Doch auch ein Garten in der Innenstadt ist nicht mehr lange zu halten. Als nach dem Zweiten Weltkrieg der schnell anwachsende Verkehr die Stadt zu verstopfen droht, muss der Garten einem Parkplatz weichen. 1961 wird das Gelände an die Stadt verkauft.

Damit ist das ehemals so große Gelände, das Magnus Boytin 1645 erworben hatte, auf seinen Kern, das Hausgrundstück Königstraße 39-41 zusammengeschrumpft. Aus einem von Wiesen umgebenen Bauernhaus am Rande eines kleinen Fleckens sind drei Geschäftshäuser, Parkplätze und ein Marktplatz in der Innenstadt von Elmshorn geworden.

Geschäfte der Nachkriegszeit

Das 1884 gebaute Doppelhaus hat die wohl markantesten Schaufenster der Königstraße. Auch wenn sie bereits seit einiger Zeit leer stehen, fallen sie bei einem Bummel durch die Fußgängerzone direkt ins Auge: die vier runden Glasfronten, die sich je rechts und links der zwei Treppenaufgänge befinden. Die insgesamt vier Geschäfte beherbergten in der Vergangenheit viele unterschiedliche Einzelhändler.

Seit 1943 betrieb der Fotograf Hermann Koopmann in dem Laden Königstraße 41 auf der linken Seite ein Fotogeschäft. Zuvor befand sich sein Geschäft in der Holstenstraße 2, die Räume wurden jedoch ausgebombt. Sein Sohn Hans-Otto – besser bekannt unter dem Künstlernamen Per – trat später in die Fußstapfen seines Vaters und dokumentierte das Alltagsgeschehen in seiner Heimatstadt. Per Koopmanns Bilder, besonders die Aufnahmen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, sind noch immer von herausragender Bedeutung.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit kam es zu langen Schlangen vor dem Atelier Koopmann in der Königstraße 41, da die Menschen für ihre neuen Papiere auch neue Passfotos benötigten. Foto: Per Koopmann, StA Elmshorn
Unter der Hausnummer Königstraße 39 war in der linken Hälfte die Fischhandlung „Hector“ zu finden und in der rechten Hälfte ab Ende 1951 das Handarbeitsgeschäft von Irma Storz, das sie ein Haus weiter in der Hausnummer 37 (heute „Bonita“) gegründet hatte. Das Handarbeitsgeschäft war sehr bekannt und bestand bis in die 1970er Jahre. Foto: E.-G. Scholz

Auch die Nachfolger Hermann Koopmanns betrieben in den nächsten Jahrzehnten Fotogeschäfte unter derselben Adresse, die unter den Namen „Dannenberg“ und „Foto Fischl“ bekannt waren.

Die Königstraße 41 im Jahr 1988: links Foto Fischl, rechts das „Fruchthaus Hillebrecht“. Im Schaufenster weisen Schilder auf die Schließung von „Foto Fischl“ am 31. März 1988 hin. Damit reihte sich „Foto Fischl“ seinerzeit in eine große Anzahl inhabe­*innengeführter Geschäfte ein, die ab den 1980er Jahren aus der Königstraße verschwanden. Foto: Dierk Kruse
Das Fischgeschäft „Hector“ warb vor den Kinovorstellungen im „Apollo“ mit dieser Anzeige, die an die Kinoleinwand projiziert wurde. Sammlung IME
Annelie Zeller machte von 1968 bis 1970 eine Ausbildung bei „Foto Fischl“ und erinnert sich, dass sie in der Königstraße zunächst nur Schwarz-Weiß-Filme entwickeln konnten.234 Foto: Die Belegschaft an Heiligabend 1979, Privatbesitz

Gleich neben dem „Fruchthaus“ bot „Foto Fischl“ im ehemaligen Koopmann-Atelier seine Fotografendienste und Fotoartikel an. Praktisch: die Kund*innen konnten auch außerhalb der Öffnungszeiten im Automaten Filme kaufen und ihre vollgeknipsten Filmrollen zur Entwicklung in einen Kasten werfen. Im Schaukasten waren zunächst weiterhin die von Per Koopmann geschossenen Fotos zum Kauf ausgestellt, 1957. Foto: Per Koopmann, StA Elmshorn

Frisches Obst und Gemüse gab es über viele Jahre nicht nur rückseitig der Königstraße auf dem Buttermarkt, sondern auch im „Fruchthaus“ der Familie Hillebrecht mit der Adresse Königstraße 41. Zu Beginn der 1950er Jahre übernahmen Kurt und Wilma Hillebrecht das Geschäft in zweiter Generation von Ernst Hillebrecht. Mehr als 40 Jahre lang stand der Familienname synonym für natürliche Vitaminbomben und ist noch immer vielen Elmshorner*innen ein Begriff. Der Automat rechts am Gebäude sorgte für Jahrzehnte auch Nachts für Stärkung der Partygänger. Foto: Privatbesitz

Das Doppelhaus Königstraße 39-41 befindet sich im Besitz Marc Ramelows, Inhaber des Modegeschäftes ein Haus weiter. Inzwischen dienen zumindest die großen Glasfronten als Kunstschaufenster und bieten Elmshorner Geschäftsleuten Platz, ihr Angebot zu präsentieren, während die leerstehenden Geschäftsräume dahinter verhängt sind.

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