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Einzelhandel gegen Kaufhaus

Das Geschäft der Familie Thormählen in der Königstraße 45, 1920. Foto: Privatbesitz

Schon lange lebt Silvia Fechner (geborene Thormählen) nicht mehr in Elmshorn, doch als sie für das Projekt „773 Schritte durch die Zeit – Königstraße Elmshorn“ über ihre Kindheit und Jugend spricht, werden Erinnerungen lebendig. Erinnerungen an das Leben in der Königstraße, die Arbeit in dem elterlichen Stoffgeschäft und an eine Zeit vor dem Aufkommen von Kaufhäusern in der Innenstadt.

Frau Fechners Geschichte beginnt im Jahr 1953. In dem Jahr, in dem ihr Vater Gerd Thormählen aus der Kriegsgefangenschaft zurück in seine Heimatstadt kehrte und das Textil- und Bekleidungsgeschäft seiner Eltern in der Königstraße 45 übernahm. Während des Wehrdienstes der Söhne führte Mutter Thormählen die Geschäfte. Als sie von der Rückkehr ihres Ältesten hörte, verstarb sie nur kurze Zeit bevor er – als einer der letzten Elmshorner – aus Russland zurückkehrte. Über die Zeit vor und während des Krieges sprach der Vater auch später nie.

Das Ladengeschäft in der Königstraße 45, bevor Gerd Thormählen die Nachfolge seiner Eltern und Großeltern antrat. Foto: Privatbesitz
Gerd Thormählen (Mitte) mit seinen Brüdern im Esszimmer seines Elternhauses, Königstraße 45. Foto: Privatbesitz

Kurz nach seiner Rückkehr lernte Gerd Thormählen Rose-Marie Rohwedder kennen. Die beiden heirateten und bekamen zwei Töchter: Silvia und Cornelia. Gemeinsam mit dem Kindermädchen Brigitte lebte die Familie in den oberen Stockwerken des Hauses. Das Geschäft befand sich im Erdgeschoss.

Bereits in dem Elmshorner Adressbuch von 1896 wird in der Königstraße 45 ein Geschäft für Textilwaren sowie Damenmode und Aussteuerartikel beworben. Es ist demnach davon auszugehen, dass Gerd Thormählen das Geschäft in dritter Generation führte.

Anzeige aus dem Elmshorner Adressbuch von 1896. Sammlung IME
Anzeige aus dem Elmshorner Adressbuch von 1939. Sammlung IME

Neben Stoffen fand sich auch Kinder- und Damenmode im Sortiment des Geschäfts. Seit den 1930er Jahren ebenso eine Lottoannahmestelle, die heute eigenständig betrieben wird.

Im vorderen Teil des Geschäfts der Familie Thormählen befand sich die Lotterieannahme, 1934. Foto: Privatbesitz

„Das war der Grundstock für alles, denn da kam immer Geld rein. […] Immer freitags wurden die Lottoscheine gezählt. Mein Vater fuhr dann mit dem Auto nach Kiel, um die Abrechnung abzugeben.“

Silvia Fechner

Die Räumlichkeiten des Geschäfts wurden mit den Jahren einige Male umgebaut. Zeitweise mieteten die Thormählens Verkaufsräume des Nachbarhauses an. Als sie ihr Warenangebot später verkleinerten, gaben sie auch die entsprechende Ladenfläche wieder auf.

Die 1961 eröffnete „Thormählen Passage“. Nach einem Umbau sind die Schaufenster des Stoff- und Modegeschäfts vergrößert. Rechts die angemieteten Ladenräume des Hauses 47. Foto: Privatbesitz

Auf dem Laufsteg

Die Schwestern Cornelia und Silvia. Auf je einer Modenschau pro Saison präsentierten die Elmshorner Modegeschäfte ihr Warenangebot. Diese galten als Highlight in Elmshorn, waren aber verglichen mit dem Aufwand nicht rentabel.... Foto: Privatbesitz
… Silvia Fechner (mittig) als Model auf einer Kindermodenschau. Foto: Privatbesitz

Schon in jungen Jahren verbrachten die beiden Töchter Silvia und Cornelia häufig Zeit bei ihren Eltern und den Angestellten im Geschäft. Sie halfen bei der Inventur, indem sie die Stoffe ausmaßen und in der Kindermodeabteilung die Kleidung zählten. Auch auf Modenschauen liefen die beiden Mädchen über den Laufsteg. Außerdem begleitete Silvia Fechner ihre Eltern bereits als Kind zu Modemessen.

„Auf der Kindermesse in Düsseldorf habe ich immer geguckt, was mir gefällt. Und meine Mutter hat sich auch schon danach gerichtet.“

Silvia Thormählen

Später, als die Mädchen älter wurden, stellte die Familie Thormählen den Verkauf der Kindermode ein.
Auch wenn sie nicht gerade aushalfen, verbrachten die Schwestern viel Zeit in dem Geschäft der Eltern. Frau Fechner lacht, als sie sich an die Ostereiersuche zwischen den Stoffballen erinnert:

 „Ostern haben meine Eltern immer im Geschäft die Ostereier versteckt, weil das ja so schön ging, in den bunten Stoffen die bunten Eier zu verstecken. Das war sehr aufregend da zu suchen. Und dann haben wir ja nie alle gefunden und das fanden dann die Angestellten sehr schön, wenn die nach Ostern noch Ostereier im Geschäft gefunden haben. Wir waren viel da unten im Laden. Haben da auch Hausaufgaben gemacht.“

Silvia Fechner

Thormählen – ein Geschäft für Generationen

Bevor die Königstraße 1972 zur Fußgängerzone wurde, schloss das Geschäft der Familie Thormählen über Mittag. Erst als Silvia Fechner nach dem Abitur ihre Ausbildung im elterlichen Betrieb abschloss, kam der Druck auf, die Geschäftsräume auch über die Mittagszeit geöffnet zu lassen.

Das Warenangebot des Modegeschäfts Thormählen. Fotos: Privatbesitz

Als Stoff- und Bekleidungsgeschäft war der Name Thormählen stets verbunden mit einer umfangreichen Beratung. Mit dem Aufkommen von Kaufhäusern wandelte sich auch das Konsumverhalten der Kund*innen. Während die (meist weiblichen) Kundinnen bis dahin einmal jährlich das Geschäft aufsuchten, um sich und ihre Kinder umfangreich beraten zu lassen und mit neuer Kleidung einzudecken, setzten moderne Modegeschäfte auf Selbstbedienung und günstigere Preise. Anders als der benachbarte Konkurrent „Ramelow“ stellte die Familie Thormählen erst spät Teile des Sortiments auf Selbstbedienung um.

 „Das war eine Belastung für meinen Vater, das habe ich schon gemerkt. Da war er sehr unruhig und hat uns dann immer zum Spionieren geschickt, was es da gibt und was das alles kostet.“

Silvia Fechner

Mitte der 1970er Jahre lernte Silvia ihren späteren Mann Wolfgang Fechner kennen. Als sie 1976 heirateten, trug sie ein aus Stoffen des Geschäfts geschneidertes Brautkleid.

Silvia und Wolfgang Fechner auf ihrer Hochzeit 1976. Das handgeschneiderte Brautkleid wurde im Schnitt angepasst, um Stoff zu sparen. Foto: Privatbesitz

„Ich habe für mein Brautkleid selber den Stoff ausgesucht und das dann auch selber genäht. Nicht ich allein, sondern mit einer Schneiderin. Wir haben aber den Schnitt verändert. [lacht] Da brauchte man so viel Stoff für, da hat mein Vater gesagt ‚Ich bin doch nicht verrückt! Denkt euch mal aus, wie ihr den Schnitt hinkriegt mit der Hälfte an Stoff!‘ Haben wir auch geschafft.“

Silvia Fechner

Sich zu überlegen, welche Stoffe des Geschäfts zu welchen Schnittmustern passten, Schnitte abändern und bei den Vertretern Kleidung zu bestellen, die einer bestimmten Kundin besonders gut gefallen könnte – das war es, was Silvia Fechner an ihrer Arbeit im Familienbetrieb den größten Spaß brachte.

Mehrgenerationenhaushalt in der Königstraße

Nach der Hochzeit lebte das Ehepaar Fechner gemeinsam mit den (Schwieger-) Eltern in der Königstraße. Dafür zogen Gerd und Rose-Marie Thormählen in das erste Obergeschoss, in dem sich bis zu jenem Zeitpunkt die Gemeinschaftsräume der Familie befanden. Silvia und Wolfgang Fechner bewohnten im zweiten Stock die ehemaligen Schlafräume. Damit beide Paare Platz in dem Haus fanden, renovierten die beiden Männer gemeinsam die Wohnungen.

Das mit Schnitzereien verzierte Treppengeländer führte in die oberen Stockwerke. Foto: Privatbesitz

Das junge Paar beschloss, das Geschäft der Eltern zu übernehmen. Während Wolfgang Fechner ein Studium als Textilingenieur absolvierte, plante Frau Fechner eine weitere Ausbildung als Schneiderin zu beginnen, um zusätzlich zum Stoffverkauf ein Nähcafé in den Ladenräumen einzurichten. Aus persönlichen Gründen konnten diese innovativen Ideen nicht realisiert werden.1979 – ein Jahr vor dem Tod Gerd Thormählens – beschlossen die Familien, das Geschäft zu verkaufen. Silvia und Wolfgang Fechner zogen nach Süddeutschland und gründeten hier ihre Familie.

Auch nach dem Verkauf wurde in der Königstraße 45 weiterhin Kleidung angeboten. Heute befindet sich in den Erdgeschossräumen eine Filiale der Modekette „Jack & Jones“.

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