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Der Weg zu Systemgastronomie und Filialbackshop

Vor 1900 war im Erdgeschoss des Wohn- und Geschäftshauses das „Blaubach und Schlapkohl Comptant-Geschäft“ untergebracht. Bei Comptant-Geschäften müssen Lieferung und Zahlung unverzüglich und zum Tagespreis des Handelstages an der Börse erfolgen. Foto: Vereinigung für Familienkunde

1893 war im Wohn- und Geschäftshaus Königstraße 26 der „Cigarren-Fabrikant“ Bernhard Huckfeldt gemeldet. Vermutlich im Kontext von Heirat und Familiengründung erwarb Richard Wilhelm Schlapkohl um 1896 das Gebäude. Zunächst war dort das „Blaubach und Schlapkohl Comptant-Geschäft“ untergebracht. Welche Waren Gegenstand jener Kassageschäfte – das sind Tageskaufgeschäfte – waren, ist leider unbekannt. Doch machte sich Kaufmann Schlapkohl in Elmshorn schon bald darauf mit dem Verkauf von Textilien einen Namen. Mitte der 1930er Jahre wurde im Erdgeschoss eine neue Ära eingeläutet, die ältere Elmshorner*innen vielleicht noch erinnern: Im eher schmalen Ladengeschäft im Erdgeschoss wurden ab 1934 im linken Teil Textilien, im rechten Teil Raucherwaren verkauft. Ab 1980 zogen schließlich Filialisten aus der Systemgastronomie ein.

Familie Schlapkohl

Kaufmann Richard Wilhelm Schlapkohl (1868-1867) und Ehefrau Anna Catharina Niebuhr (1876-1968). Das Foto wurde anlässlich ihrer Hochzeit im Jahr 1896 aufgenommen. Foto: Vereinigung für Familienkunde

1896 hatte der Kaufmann Richard Wilhelm Schlapkohl (1868-1867), Sohn des AltenteilersClaus Schlapkohl und der Louise Dorothea, geborene Ewoldt, die Elmshorner Kaufmannstochter Anna Catharina Niebuhr (1876-1968) geehelicht. Gemeinsam bewohnten sie das viergeschossige repräsentative Wohn- und Geschäftshaus in der Königstraße 26.

Zwischen 1898 und 1915 wurden ihre fünf Kinder geboren, von denen leider nur zwei Töchter und ein Sohn das Ehepaar überleben sollten. Der 1898 erstgeborene Spross, Claus Heinrich Wilhelm (Willi), fiel 1918 auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Heinrich Johannes Richard, Jahrgang 1900, starb im Oktober 1913 an einer Blinddarmentzündung. Mit dem Tod ihrer Kinder ereilte die Familie Schlapkohl ein Schicksal, wie es damals leider viele Familien erleben mussten.

1901 wurde die erste Tochter, Augusta Frieda Henriette, geboren. 1922 heiratete sie den Physiko-Chemiker Dr. rer. nat. Heinrich Friedrich Riggert, wobei die Ehe wenige Jahre darauf geschieden wurde. 1905 gebar Anna Catharina eine zweite Tochter, Frieda Cäcilie, die im Alter von 29 Jahren den Rechtsanwalt Dr. iur. Herbert Wilhelm Reincke ehelichte. Auch dieser Ehe war nur eine kurze Zeit vergönnt, da ihr Ehemann 1944 verstarb.

Mit Heintz Werner, der später Arzt wurde, gebar die inzwischen 39-jährige Anna Catharina Schlapkohl im Jahr 1915 schließlich ihr letztes Kind.

Textilien in der Königstraße

Angesichts der Industrialisierung erlebte die Textilbranche ab den 1880er Jahren eine regelrechte Hochzeit. Diese setzte sich – nach einer kurzen Flaute zu Beginn des 20. Jahrhunderts – fort. Auch in der Königstraße eröffneten um 1900 einige kleinere inhabergeführte Textilgeschäfte, 1893 in der Königstraße 63 ein zweistöckiges Warenhaus für „Confection & Modewaren“, in dem auch Wohntextilien zu haben waren.

Auch der Kaufmann Richard Schlapkohl, vorher im „Comptant-Geschäft“ tätig, konzentrierte sich auf das boomende Textilgeschäft. Spätestens seit 1900 verkaufte er „Manufakturwaren“, schließlich auch Aussteuer und Damen- und Kinderbekleidung. 1934, Schlapkohl hatte mit inzwischen 66 Jahren ein stolzes Rentenalter erreicht, veräußerte die Familie das Haus. Die Eheleute zogen in die Ansgarstraße/Ecke Hogenkamp um, wo der jüngste Sohn, Heintz Werner, schließlich eine Arztpraxis eröffnete.

Eine durchaus gelungene Aufnahme, um nun auch für Kinderkleidung zu werben: Kaufmann Richard Schlapkohl, hier vermutlich mit seinem erstgeborenen Sohn Willi, um 1910. Foto: Vereinigung für Familienkunde

Stadtbekannt: Zigarren Runge und Mode Junge

Eine Foto aus dem Jahr 1948: Kaum zu glauben, dass in dem schmalen Ladenlokal mit Junge und Runge gleich zwei Geschäfte zugleich Platz fanden. Foto (Ausschnitt): Privatbesitz

1934 verkaufte Familie Schlapkohl das Wohn- und Geschäftshaus an den Kaufmann Hugo Runge, der dort unter gleichem Namen ein Tabakgeschäft eröffnete. Runge hatte in der Königstraße 6/8 seit Mitte der 1920er Jahre „Feinste Qualitätszigarren“ verkauft. In den Geschäftsräumen im Erdgeschoss der Königstraße 26 eröffnete – links neben ihm – der Kaufmann Carl Junge eine Verkaufsstätte für Herrenmode.

Während viele Wohn- und Geschäftshäuser in der Königstraße in der Bombennacht im August 1943 beschädigt oder gar vollständig zerstört wurden, blieb die Hausnummer 26 von den Angriffen verschont. Die Geschäfte konnten nach dem Zweiten Weltkrieg wiedereröffnen. Schließlich übergaben Huge Runge und Carl Junge an ihre Söhne, Rolf Runge und Günther Junge, die sie unter den Namen ihrer Väter weiter betrieben.

1976 bezog das Modegeschäft Junge größere Ladenräume am Alten Markt 1 (inzwischen seit vielen Jahren Sitz der Herrenmode-Filiale Engbers). Runge betrieb sein Tabakgeschäft fort, übernahm Junges Geschäftsräume und verkaufte dort bis 1980 Geschenkartikel.

Eine Aufnahme aus dem Jahr 1960. Um den Verkauf zu fördern, wurde im Schaufenster des Tabakladens Hugo Runge eine reichhaltige Auswahl an Raucherwaren präsentiert. Neben Zigarren vor allem Zigaretten der Tabakmarke Reemtsma, die damals 50-jähriges Jubiläum feierte. Zigarettenrauchen zur Entspannung wurde damals auch in der Fernsehwerbung angepriesen (HB-Männchen). Im Schaufenster hingegen informierte Runge über die Herkunft des Tabaks. Foto: StA Elmshorn, Fotograf: P. Koopmann
Foto anlässlich der Sturmflut 1965. Damals bestand die Nachbarschaft des Herrenmodeausstatters Carl Junge (linkes Schaufenster) und des Tabakladens Hugo Runge (rechtes Schaufenster) bereits seit 31 Jahren. Foto: E.-G. Scholz
Auch Pfeifenraucher kamen bei Hugo Runge voll auf ihre Kosten, wie das hier im Jahr 1967 präsentierte Sortiment beweist. Foto: E.-G. Scholz

Die Systemgastronomie kommt! Das Schnellrestaurant Kochlöffel

Seit den 1970er Jahren gründeten sich in zentralen Lagen deutscher Innenstädte vermehrt Schnellrestaurants, schließlich auch im Wohn- und Geschäftshaus Königstraße 26. Am 24. April 1980 übernahm der Imbiss „Kochlöffel“ die Geschäftsräume des Tabakladens.

Das Stammgeschäft „Kochlöffel-Grill“ wurde 1968 von der Emsländerin Martha van den Berg in Wilhelmshaven gegründet. Seit inzwischen über 50 Jahren behauptet sich Kochlöffel mit einem Angebot an Grillhähnchen, Burgern, Pommes Frites und Currywurst deutschlandweit in rund 90 Restaurants (Stand: 2020) neben großen (US-amerikanischen) Systemgastronomieketten wie MacDonalds, Burger King oder Kentucky Fried Chicken.

In der Königstraße beschäftigte Kochlöffel in der Anfangszeit bis zu 30 Mitarbeiter*innen. Im ersten Stock des Gebäudes gab es damals noch einen Gastraum. Nach fast 30 Jahren – inzwischen waren zwei Burgerketten in der Stadt und in der Königstraße hatten sich zahlreiche Schnell-Imbisse angesiedelt – zog sich Kochlöffel aus Elmshorn zurück.

Das Wohn- und Geschäftshaus im Jahr 2005, von 1980 bis 2009 Sitz der Imbisskette Kochlöffel. Im Zweiten Weltkrieg blieb das viergeschossige Haus von den Bomben verschont, lediglich die Giebelspitze wurde modernisiert. Foto: E.-G. Scholz

BackWerk

Ende 2009 schloss das Schnellrestaurant Kochlöffel. Nach einem Umbau des Erdgeschosses zog Ende Februar 2010 eine BackWerk-Filiale ein. Nach eigenen Angaben führte BackWerk, ein Franchise-Systemanbieter, im Jahr 2001 das Prinzip der Selbstbedienungs-Bäckerei ein.

Die BackWerk Filiale in der Königstraße 26, 2018. Foto: Sammlung IME

In der Königstraße werden Kundinnen im rund 100 Quadratmeter großen Erdgeschoss hinter einer verglasten Bar süße oder herzhafte Backwaren, belegte Brötchen, Wraps oder heißen Snacks angeboten. An einer Kühltheke gibt es eine Auswahl an Salaten und Erfrischungsgetränken, außerdem eine Heißgetränke-Station (für Kaffee u.a.) zur Selbstabfüllung. Wer einen eigenen Becher mitbringt, erhält auf seinen Kaffee Rabatt. Kontakt mit den Mitarbeiterinnen besteht nur beim Bezahlvorgang.

Nicht nur zur Mittagszeit ist BackWerk, das zahlreiche Sitzplätze bietet, insbesondere von Kund*innen jüngeren bis mittleren Alters stark frequentiert. Dass dort Aufbackware „für den schmalen Geldbeutel“ angeboten wird, erzeugt für tagesfrisch produzierende Elmshorner Traditionsbäckereien allerdings enormen Preisdruck.

Bei zugleich hohen Ladenmieten in der 1 A Lage der Stadt ist es demnach nicht verwunderlich, dass sich in der Königstraße – abgesehen von der Elmshorner Bäckerei und Konditorei Millahn – heute nur noch Filialisten von Großbäckereien finden lassen.

Nichtsdestotrotz scheinen die jeweils unterschiedlichen Vertriebskonzepte und Angebote der Bäckereien und Konditoreien in der Königstraße die Ansprüche und Geschmäcker verschiedener Zielgruppen zu bedienen. Auch den Filialen der Großbäckereien „Junge“ (Lübeck) und „Nur hier“ (Hamburg, als Franchise-Filiale) sowie der Bäckerei Millahn sind jeweils Cafés angegliedert, die Elmshorn zum Verweilen einladen.

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