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Vom Ladengeschäft zur Gaststätte

von Jan Markert

Eine Filiale von Schuh-Kay in der Königstraße 23. Foto: EG Scholz, Privatbesitz
Links neben der Nr. 23 lag das Präbendenstift. Foto: Stadtarchiv
Links am Bildrand wirbt Gustav Jäger am Haus Nr. 23 für seine Korbwaren. Postkarte um 1910, Stadtarchiv Elmshorn

Im Elmshorner Adressbuch von 1893 sind zwei Geschäfte in der Königstraße 23 genannt: In der linken Haushälfte die langjährig existierende Milchhandlung des Hauseigentümers Gustav Möller und in der rechten Hälfte das Manufakturwarengeschäft von Blaubach und Schlapkohl. Nach dem Auszug der beiden Kaufleute in das schräg gegenüberliegende Haus Nummer 26 betrieb der Korbmacher Gustav Jäger um 1900 hier ein Geschäft für Korbwaren.

Werbeanzeige aus dem Elmshorner Adressbuch 1911, Industriemuseum Elmshorn

1911 eröffnete  der 1886 geborenen Hermann Alwardt, unter der Hausnummer 23 eine Niederlassung des Hamburger Kaffee-Lagers und Handelshauses Thams & Garfs (1908 gegründet). Das Gebäude und dessen Garten im Hinterhof am Ufer der Krückau diente Alwardt auch als Familienwohnsitz. Sowohl von Elmshorner Bürgern als auch von Reisegästen frequentiert, bot das Geschäft neben importierten Genuss- und Lebensmitteln auch Spirituosen an.[1] Die wachsende Nachfrage nach alkoholischen Getränken brachte Thams & Garfs allerdings in Gegnerschaft zu dem Prohibitionsverein Volkswohl, dessenWortführer J.P.H. Kröger 1925 gegen die Erteilung der Alkoholverkaufslizenz für die im Zuge von Umbauarbeiten entstandenen neuen Räumlichkeiten des Kolonialwarenladens protestierte. Alwardt verdiene „Geld genug in der Königstrasse“, so Kröger in einem seiner letztendlich erfolglosen Protestschreiben an die Stadtverwaltung, er habe es „nicht nötig mit Alkohol zu handeln […].“

1935 zog die Familie Alwardt von der Königstraße Nr. 23 in Nr. 31 um, während der Kolonialwarenladen und die weiteren Räumlichkeiten durch verschiedene Pächter betrieben wurden. So leitete Albert Kopas das Geschäft vor und während des Zweiten Weltkrieges, wobei er sich während des Kriegsgeschehens infolge von Personalmangel gezwungen sah, das Lebensmittelangebot einzuschränken. Als er Ende 1945 um die Erlaubnis bat, den Verkauf von Brot wieder aufzunehmen, wie er ihn bis 1940 angeboten hatte, wurde ihm dies mit der Begründung verweigert, dass es in der Königsstraße bereits genügend Bäckereien gab, um die Nachfrage der Bevölkerung zu decken.

Die Spuren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und des Krieges lassen sich beispielhaft auch an der Person der 1906 geborenen Anneliese Speers aufzeigen, die Anfang 1947 um die Erteilung der Erlaubnis bat, in den Räumlichkeiten der Königstraße Nr. 23 in der Entbehrungssituation der unmittelbaren Nachkriegszeit eine Werkstatt für Kinder- und Babyhausschuhe einrichten zu dürfen. Speers Ehemann und dessen Familie waren während der NS-Diktatur als „jüdische Mischlinge“ politisch wie gesellschaftlich ausgegrenzt und rechtlich benachteiligt worden. Ob ihrer Bitte seitens der alliierten Besatzungsverwaltung, an welche sie sich im Zuge des Entnazifizierungsprozesses gewandt hatte, stattgegeben wurde, ist aus den Akten des Stadtarchivs leider nicht ersichtlich.

Der Kolonialwarenladen wurde schließlich 1952 von der 1903 geborenen Erna Kelting übernommen, nachdem dieser zuvor von ihrem verstorbenen Ehemann – vermutlich in Nachfolge von Albert Kopas – betrieben worden war. Auch im Hinterhof des Grundstücks herrschte in den 1950er Jahren ein reges Geschäftsleben. Dort betrieb das Hamburger Ehepaar John und Lucie Ketelsen einen Fahr- und Motorradverkauf.

1962 ist im Elmshorner Adressbuch nicht nur Möllers Gastwitschaft verzeichnet, sondern auch das Bekleidungsgeschäft Max Lenz.

Die Geschichte des ehemaligen Kolonialwarenladens Thams & Garfs endete schließlich 1957, als der 1910 geborene Hauseigentümer Gustav Möller junior das Ladengeschäft der Königstraße Nr. 23 selbst nutzen wollte, und dort nach umfangreichen Umbauarbeiten die Gastwirtschaft Möller‘s Imbißstube eröffnete. Gegen diese Eröffnung protestierte – letztendlich erfolglos – die Elmshorner Ortsgruppe der Hotel- und Gaststättenbetriebe Schleswig-Holstein, da die neue Konkurrenz den bereits in der Königstraße befindlichen Gaststätten schaden würde. Gemeinschaftlich mit Möller wurde die Gastwirtschaft von der 1916 geborenen Salme Sinilaid betrieben – öffentlich und offiziell trat sie als Verlobte des verheirateten, aber von seiner Ehefrau getrennt lebenden Gustav Möller auf. Als dieser 1961 starb und seiner ‚Verlobten‘ die Gastwirtschaft testamentarisch vererbte, stellte die Stadtverwaltung fest, dass Sinilaid seit Jahren illegal in den Küchenräumlichkeiten gewohnt hatte, entgegen aller hygienebürokratischen Bestimmungen. Obwohl ihr der Weiterbetrieb von Möller’s Imbißstube letztendlich doch erlaubt wurde, konnte Salme Sinilaid die Türen der Gastwirtschat in den Folgejahren nicht wieder öffnen – sie litt an schweren gesundheitlichen Problemen und starb schließlich 1964. Zuvor hatte sie die Maschinerie der Stadtverwaltung in regelmäßigen Abständen bürokratisch abgemahnt, den Gastbetrieb doch wieder aufzunehmen.

Schuh Kay um 1970. Foto: Stadtarchiv Elmshorn

Seit dem 1. Juli 1965 bis heute bietet eine Filiale von „Schuh Kay“ modische Fußbekleidung in einem Neubau an. Damit gehört das Geschäft schon über 40 Jahre zum beständigen Teil der Königstraße.

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