Königstraße 22 mit der „Ladenstraße“
Nach Kriegsende konnten in der Königstraße die vielen durch Bomben eingerissenen Lücken in der nördlichen Häuserzeile erst nach und nach geschlossen werden. Eines der großen Projekte war die Neubebauung der Grundstücke mit den Häusern Nummer 22 und 24 durch den privaten Investor Allwardt, dem Inhaber von „Thams & Garfs“ schräg gegenüber in der Hausnummer 31.
Die „Elmshorner Nachrichten“ berichteten am 21. Oktober 1949: Vorgesehen ist der „Bau einer Ladenstraße in Form einer Passage an dem Verbindungsweg (Kochs Gang) der Königstraße zum Probstenfeld. Insgesamt neun Läden werden, Schaufenster an Schaufenster, sich den Gang entlangziehen, mit der Neuzeit entsprechenden Verkaufseinrichtungen und moderner Neonbeleuchtung.“
Der Wiederaufbau schloss mit den in zwei Bauabschnitten errichteten Wohn- und Geschäftshäusern in der Nachkriegszeit die Baulücke zwischen „Konditorei Koch“ (heute „Spiele Max“) und „Zigarrenhaus Runge“ (heute „Backwerk“).


Handel mit Tabak und Zigarren
In der Königstraße 22 war spätestens seit 1911 ein Tabakgeschäft untergebracht.
Und auch heute noch sind an dieser Adresse Tabakwaren zu haben. Der erste Tabakhändler in der Königstraße 22 war Heinrich Riecken. Er führte ein Einzelhandelsgeschäft für „Taback“, „Cigarren“, „Cigaretten“ und „Shag-Pfeifen“. Auch gab es damals in der Königstraße die Tabakgeschäfte Gärtner (Königstraße 37) und Niemeyer (Königstraße 6-8). In den 1920er Jahren übernahm Familie Theodor Simonsen Rieckens Zigarrengeschäft. Als in der Zwischenkriegszeit Rauschmittel wie Tabak und Alkohol immer beliebter wurden, zählte Elmshorn stolze 41 Tabakgeschäfte. Doch halbierte sich diese Anzahl bis kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nahezu wieder.
Neubau des Hauses Königstraße 22
Im Zweiten Weltkrieg wurden die Häuser Königstraße 22 und 24 ausgebombt und anschließend abgerissen. Bis 1950 klaffte zwischen den Hausnummern 20 und 26 eine Baulücke. In dieser stand – einer Zeitzeugin zufolge – ein Kiosk, in dem im Sommer Eis und im Winter Wurst verkauft wurde.
1950 errichtete Hermann Allwardt zunächst auf dem Grundstück Nummer 22 einen Neubau mit Wohnräumen und Arbeitsstätten, wenige Jahre später folgte der Wiederaufbau des Nachbargebäudes. Im Gebäude Königstraße 22 war Platz für mehrere Ladengeschäfte, eines lag mit der Schauseite zur Königstraße hin, sechs waren für die Ladenstraße vorgesehen, die Richtung Probstenfeld führt.
Um die Finanzmittel für sein großes Bauprojekt aufzubringen, suchte Allwardt nach Ladenmietern, die ihre Miete für drei Jahre im Voraus zahlten und diese dann „abwohnten“. Mit Erfolg: Einer der ersten Mieter der neuen Geschäftsräume in der Königstraße 22 war Gustav Arps, der dort eine Drogerie einrichtete.
„Drogerie Arps“
Gustav Arps absolvierte zunächst eine kaufmännische Lehre bei der Barmstedter Drogerie August Sommerfeldt („Adler-Drogerie“). Anschließend legte er an der Fachschule des Drogistenverbandes in Hamburg seine Giftprüfung ab. Seit dem 1. April 1949 war Arps bei Sommerfeldt als Drogist angestellt. Doch wohnte der 37-jährige Familienvater in Elmshorn und wollte sich seinen Traum von der eigenen Drogerie erfüllen: Am 26. Februar 1950 beantragte er erfolgreich die Erlaubnis zur Eröffnung einer Drogerie im Allwardt´schen Neubau in der Königstraße 22. Arps bot dort Produkte an, die auch heute noch zum klassischen Drogeriesortiment zählen: Kosmetik, Seifen, Parfümerien und Kerzen.
„Tabakwaren Geber“
Anfang der 1960er Jahre verkleinerte Arps sein Geschäft. Nun gab es unter der Adresse Königstraße 22 zwei nebeneinander liegende Ladengeschäfte. Rechts neben Arps eröffnete August Blase ein Tabakgeschäft.134 Von ihm übernahm schließlich der Tabakwarenhändler Gustav Geber, der unter „Gus. Geber Hamburg“, einem Kunstnamen, firmierte. Geber kam ursprünglich aus Glückstadt und hatte nach dem Zweiten Weltkrieg seinen ersten Tabakladen in Hamburg gegründet. Von dort aus expandierte er mit Niederlassungen, nun auch nach Elmshorn.

„Tengeler Tabak + Presse“
Gebers Nachfolger in der Königstraße war die Familie Tengeler. Rolf Tengeler gehörte seit Geschäftsgründung zum Geber-Team. 1977 übernahm er bei Geber die Geschäftsführung und seine Ehefrau Gesa stieg mit ins Geschäft ein. In den folgenden 30 Jahren beobachteten die beiden in den links daneben liegenden Geschäftsräumen häufige Betreiberwechsel: Auf die „Drogerie Arps“ folgte „Juwelier Kraus“, danach eröffnete dort der Dessousladen „Day Dream“, dann folgte die „Dekogarage“.


Als Geber im Jahr 2000 Insolvenz anmelden musste, wurden alle Geber-Niederlassungen abgewickelt. Familie Tengeler entschied sich zur Selbständigkeit. 2002 übernahm Gesa Tengeler die Geschäftsleitung, nun wurde der Laden auch offiziell zum Familienbetrieb. Auf dem Ladenschild war nun „Tengeler Kö22“ zu lesen und das Sortiment von Tabakwaren (Zigaretten, Zigarren, Tabak) wurde um Zeitschriften und Zeitungen erweitert.
2009 entschied Familie Tengeler, die Ladenfläche zu verkleinern und in die kleineren Geschäftsräume nebenan zu ziehen. Seit dem Umzug wird das Geschäft in zweiter Generation von Sohn Nils Tengeler geführt, der in Glückstadt einen weiteren Tabakladen betreibt.
In den aufgegebenen größeren Teil zog zunächst der Handyladen „(Allnet-)blue.de“, später „O2“ ein. 2015 wurden sie mit dem Einzug von „Nails Royal“ zum Ort der Schönheit umgewandelt.
Die Ladenstraße
Insbesondere alteingesessenen Elmshorner*innen ist die Bezeichnung „Ladenstraße“ bis heute ein Begriff, reihten sich dort doch ab 1950 viele verschiedene Ladengeschäfte aneinander. Seit der letzte Mieter – Fischladen Möller – 2015 auszog, stehen sämtliche Gewerbeflächen leer. So dient die Ladenstraße seitdem hauptsächlich als Abkürzung für jene, die aus Richtung Schulstraße/Am Probstenfeld auf schnellstem Weg in die Königstraße gelangen wollen.
Das Problem der sogenannten 1B-Lage betrifft auch die anderen Seitenwege und angrenzenden Straßen an die 1A-Lage der Haupteinkaufsmeile Königstraße. Abseits der Wege der Laufkundschaft müssen Geschäfte etwas Spezielles bieten, damit die Kund*innen gezielt kommen. Reklamefiguren, Schilder und Wegweiser in der Königstraße wiesen daher auf die Läden in der Seitenstraße hin.
Die Ladenstraße wird im Elmshorner Straßenverzeichnis geführt, die Geschäfte haben jedoch die offizielle Anschrift Königstraße 22. Im Neubau von 1950 gab es sechs zur Ladenstraße hin gelegene abgeschlossene Ladeneinheiten mit jeweils separaten Eingängen, die offiziell die Adressen Königstraße 22 a-f trugen.
Einzelhandel und Dienstleistungen
Die ersten Ladenmieter in der Ladenstraße ab Anfang der 1950er Jahre waren Elektro Hamann (später: Elektro Kelting), außerdem Uhrmachermeister und Juwelier Otto Hell (heute Marktstraße 1)137 und ab 1952 Fischhändler Ernst Reckmann (ab 1987 Kay Rosenkildes Fischladen).
Neben Uhrmacher Hell betrieb Max Kann eine Leihbücherei mit Antiquariat, auch hatte er Schallplatten und Schreibwaren im Angebot. In den 1970er Jahren wandelte Kann seine Leihbücherei schließlich zum „reinen“ Buchhandelsgeschäft um. Seine Räumlichkeiten übernahmen später die Buchhändler Hellmann, die in der Königstraße ihr Stammgeschäft hatten. Als die Buchhandlung Hellmann auszog, wurde dort auf Initiative von Boje C. Steffen die Theaterkasse eingerichtet, die später in die Stadtbücherei umzog.
Anfang der 1980er Jahre lag neben „Gus. Gebers Tabakgeschäft“ das Sporthaus Hetze, in dessen Kellerräumen Tennisschläger bespannt wurden. Einer ihrer prominentesten Kunden war der Elmshorner Wimbledon-Sieger Michael Stich.

Vom Imbiss zur „Fischbratküche“
Anfang der 1970er Jahre eröffnete Gerhard Piekarek am Ende der Ladenstraße (Königstraße 22 f) einen „Imbiss“, den in den 1980er Jahren Rainer Oed übernahm. Von der Königstraße aus (auf Höhe der Hausnummer 22) machte Oed prominent Werbung für seinen „City-Imbiss“. Doch auch die Mundpropaganda funktionierte buchstäblich bestens: So soll es bei Oed die besten Pommes Frites in ganz Elmshorn und legendäre Eintöpfe gegeben haben.





Nach zehn Jahren Geschäftstätigkeit in der Ladenstraße baute Fischhändler Rosenkilde 1997 seinen Laden erstmals aus. Als Oed sich aus dem Imbissgeschäft zurückzog, nutzte Rosenkilde die Gelegenheit und übernahm die Räumlichkeiten des „City–Imbiss“ und der „Theaterkasse“. So gab es seit 2001 neben dem Fischgeschäft auch ein Fisch-Bistro, das inoffiziell bald „Fischbratküche“ genannt wurde.
Nach 23 Jahren in der Ladenstraße gab Rosenkilde im November 2010 Fischgeschäft und Bistro auf. Fischhändler Olaf Möller übernahm das Geschäft. Nach dem Auszug von „Möllers Fischmarkt & Bistro“ 2015 wurde das gesamte Gebäude saniert. Im Obergeschoss entstanden zwei große Wohnungen. Das Geschäft steht heute leer.