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Kunstbutter und Kunsthonig – die Lebensmittelfabrik Wagner & Co.

Margarine – die „Kunstbutter“ der kleinen Leute

Nach dem Tod von Otto Piening eröffnete am 9. Februar 1907 die „Westholsteinischen Margarine Werke“ der Gebr. Holm ihren Betrieb in der Königstraße 1. Bereits nach einem halben Jahr wurde diese erste „Kunstbutterfabrik“  von dem Berliner Lebensmittelgroßhändler Karl Wagner übernommen. Standortfaktoren waren die gute Qualität des Trinkwassers, die günstige Bezugsmöglichkeit von Milch aus der Genossenschaftsmeierei in der Schulstraße und die Nähe zu den Hamburger Ölmühlen für die Versorgung mit Hauptrohstoffen.

Briefkopf der Margarinefabrik Wagner & Co. gegründet in der Königstraße 1. Links oben das 1913 neu gebaute Werk zwischen Gärtnerstraße und Lornsenstraße, rechts oben der erste Firmensitz. Die Gebäude erstrecken sich von dem Wohn- und Geschäftshaus – der früheren Weinhandlung – an der Königstraße bis zur südlich angrenzenden Krückau. Sammlung IME

Butter war im Europa des 19. Jahrhunderts teuer und knapp. Napoleon III. förderte die Entwicklung einer preisgünstigen Ersatzbutter, um die Versorgung der französischen Armee sicher zu stellen. Ein französischer Chemiker erfand 1869 die „Kunstbutter“, genannt Margarine, deren Hauptbestandteil Rindertalg war.

Der Geschäftsführer von Wagner & Co., Herr Riies mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Foto: Vereinigung für Familienkunde

In Deutschland wurde die erste Margarinefabrik 1872 gegründet. Im Laufe der Zeit veränderte sich die Zusammensetzung der Margarine: tierische Fette wurden durch pflanzliche Öle, und Milch aus Haltbarkeitsgründen durch Wasser ersetzt. Das Anwachsen der Margarineindustrie setzte eine leistungsfähige Ölmühlenindustrie voraus.

Heute werden Butter und Margarine als gleichwertige Nahrungsmittel angesehen. Viele Menschen entscheiden sich aus gesundheitlichen Gründen oder aufgrund einer veganen Ernährung für den Verzehr von Margarine statt Butter. In der Anfangszeit der Margarineherstellung um 1900 hatte Margarine gegenüber der Butter einen minderwertigen Ruf. Deshalb nannten sich einige Herstellerfirmen „Pflanzenbutterfabrik“, da dieser Begriff nicht so negativ besetzt war, wie der Ausdruck „Kunstbutter“.

Bei Wagner & Co. florierte die Margarineherstellung. Bereits nach sechs Jahren waren die Räumlichkeiten in der Königstraße 1 trotz Ankauf eines Teils des Nachbargrundstücks und Vergrößerung der Gebäude zu beengt. Die Firma Wagner errichtete einen großen Neubau mit einem Kontorhaus in der Gärtnerstraße 10, der 1913 in Betrieb genommen wurde und bis 1976 bestand. Wagner & Co. verkaufte seine frühen Warenmarken „Tafelperle“ und „Echte Wagner“ in ganz Deutschland.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg wurden in Elmshorn zwei weitere Margarinefabriken gegründet. Ende der 1930er Jahre existierten bereits fünf Betriebe. Während des Zweiten Weltkrieges mussten alle mit Ausnahme der Firma Wagner & Co. schließen. Diese Firma hatte als nationalsozialistischer „Musterbetrieb“ die „Goldene Fahne“ der Deutschen Arbeitsfront erhalten.

Die Firma Wagner konzentrierte sich ab Ende der 1950er Jahre auf die Margarineherstellung am Hauptstandort in der Gärtnerstraße und gab das Gebäude Königstraße 1 auf. In den 1960er Jahren betrieb Helga Hinzer dort ein „Bewachungsunternehmen“ (Sicherheitsdienst) und Dr. Siegfried Lange war der Inhaber einer Bettfedernfabrik, die es noch in den 1970er Jahren gab.

„Tafelperle“ und „Echte Wagner“ hießen die ersten beiden Spitzenprodukte der Elmshorner Margarineindustrie. Foto: Sammlung IME
In den 1930er Jahren erweiterte die Firma Wagner & Co ihre Produktpalette. In dem ersten Betriebsgebäude in der Königstraße wurde Kunsthonig hergestellt. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Gebäude stark beschädigt. Während das vordere Haus nicht wieder aufgebaut worden ist (heute Biergarten Broderick), baute die Firma Wagner & Co. Anfang der 1950er Jahre die Kunsthonigfabrik auf dem hinteren Gelände wieder auf. Links die Einfahrt in den Bahntunnel. Foto: E. G. Scholz, Privatbesitz

Kino Savoy

1981 entstand in der Königstraße 1 als jüngstes Elmshorner Kino das „Savoy“, das zweite von Gerd Schröder aus Uetersen betriebene Kino neben dem beliebten „Apollo“ in der Mitte der Königstraße.

Die Gebäude der Königstraße 1 im Jahre 1982. Der hintere Bereich wurde für das Kino „Savoy“ umgebaut, die Räume der „Bettfedern- und Daunenfabrik“ für das „Ristorante al Canale“. Foto: R. Jatsch-Kölsching, StA Elmshorn

In unmittelbarer Nähe des Bahnhofs gab es somit zwei Kinos. Das 1923 gegründete „Smoky Kammerlichtspiele“ stand in der Mühlenstraße 3 direkt vor Gleis 1a im ehemaligen Bahnhofshotel „Schweizerhalle“, das „Savoy“ lag auf der anderen Seite der Gleise. Weitere Kinos waren das „Stadttheater“ in der Peterstraße (jetzt „Baalmanns Casablanca“, später zog dieses Kino nach Klostersande in die Räumlichkeiten des jetzigen Elmshorner Stadttheaters um und hieß dort „Astoria“) und das „Apollo-Lichtspielhaus“ in der Königstraße 25.

Im „Savoy“ wie auch im „Apollo“ übernahm Freymuth Schulz von den „Vereinigten Lichtspielen“ Borkum die Filmvorführungen ab Mitte der 1990er Jahre. Wie damals in den Kinos üblich, konnte per Knopfdruck von jedem Sitzplatz aus die Bedienung gerufen werden, um Cola, Popcorn oder Eis zu bestellen. Der Kinosaal des „Savoy“ verfügte über knapp 200 Plätze und wurde 1998 geschlossen, als am Grauen Esel das große „Cineplex“-Kino eröffnete.

Die Räumlichkeiten dienten dann einige Jahre lang als Disko oder wurden für Konzerte und Feiern genutzt. Verschiedene Betreiber haben die 500 Quadratmeter des ehemaligen Kinos immer wieder umgebaut.

Heute ist  sind die  ansässigen Firmen in der Königstraße 1 bunt gemischt: Nach einem längeren Leerstand sind die ehemaligen Kinoräume nun der Sitz des „Golden Eagle Box Gyms“, daneben finden sich im selben Gebäude ein Friseurladen, ein italienisches Restaurant und eine Tanzschule.

Italienisch speisen im „Al Canale“ mit Inhaber Rocco Ambrico, Kellner Arif und dem Koch Adriano (von links). 1983 eröffnete das italienische Restaurant „Ristorante al Canale“ in der Königstraße 1. Der Inhaber Rocco Ambrico besaß noch weitere vier Restaurants in Hamburg, kochte aber hier in der Krückaustadt gemeinsam mit Koch Adriano selbst vor Ort. Auch das Nachfolgelokal „Da Gino“ erfreut sich großer Beliebtheit. Foto: R. Jatsch-Kölsching, StA Elmshorn
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