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„Salamander Schlüter“

Was braucht man, um bequem auf dem wechselnden Bodenbelag der Kö zu flanieren? Richtig, gute Schuhe! Zunächst noch maßangefertigt, wurden Schuhe seit der Industrialisierung fast ausschließlich maschinell hergestellt. Dies führte seit dem 19. Jahrhundert zur Trennung zwischen Herstellung und Verkauf, schließlich zum Aufkommen von Schuhfachgeschäften.

Auch der Gründer des Schuhgeschäfts „Salamander-Schlüter“, Johann Wilhelm Schlüter, war Schuhmacher, hatte Werkstatt und Laden zunächst jedoch nicht in der Königstraße.

Vom Handwerk zum Schuhgeschäft

Um 1840 hatte Elmshorn fast 250 Schuhmachermeister, die 140 Gesellen und über 100 Lehrjungen beschäftigten.79 Sie stellten den größten Handwerkszweig in Elmshorn. Wie in der Textilindustrie führte auch in der Schuhherstellung die Verbreitung der Nähmaschine zu tiefgreifenden Veränderungen. Mit der Entstehung von Schuhfabriken erhielten die Schuhmacher eine drückende Konkurrenz. Ihre Arbeit verlagerte sich zunehmend auf Verkauf und Reparatur von Fabrikschuhen.

Ab 1919 in der Königstraße 10: Das Schuhgeschäft „Salamander“ von Wilhelm Schlüter & Söhne. Zuvor befand sich hier die Filiale der „Schuhfabrik Chr. Muhl“ (Flamweg 71). Foto: Privatbesitz

1896 führten 13 Schuhmachermeister in Elmshorn ein Ladengeschäft überwiegend mit Fabrikware und „Flickschusterei“ als weiterer Einnahmequelle. In der Königstraße betrieben Heinrich Witt (Hausnummer 39) und Christian Muhl (Hausnummer 10) „Schuhwaaren-Geschäfte“. Muhl scheint im größeren Umfang auch neue Schuhe angefertigt zu haben, da er im Adressbuch als „Schuhwaarenfabrikant“ auftaucht.

Der „Salamander“ kommt

Am 26. April 1909 eröffnete der Schuhmacher Johann Wilhelm Schlüter (1870-1935) am Mühlendamm 12 das „Schuhwarenhaus Wilh. Schlüter“. Neben dem Verkauf bot er Schuhreparaturen an.

Zehn Jahre später zog er in die Innenstadt, indem er Werkstatt und Schuhgeschäft von Christian Muhls Nachfolger in der Königstraße 10 übernahm. Schlüter gliederte dort eine Abteilung für Sportschuhe an und Sohn Walter Robert Wilhelm Schlüter (1896-1972), ebenfalls Schuhmacher, stieg als Mitinhaber ins Geschäft ein. Nun firmierten sie als „Wilhelm Schlüter & Söhne“. 1923 schlossen sie einen Vertrag zum „Alleinverkauf der Marke Salamander“ ab.

Die Marke „Salamander“

„Salamander“ wurde 1885 in Baden-Württemberg gegründet. Mit der Patentanmeldung entstand 1904 die erste Wort- und Bildmarke mit der Figur des Salamanders. Abgesehen von sogenannten „Alleinverkäufern“, wie „Wilhelm Schlüter & Söhne“, baute „Salamander“ ein Filialsystem auf. 1909 betrieb „Salamander“ bereits 26 eigene Einzelhandelsgeschäfte, 1927 war die Marke schon in 123 Staaten eingetragen.

Neubau des Hauses

Auch „Salamander Schlüter“ wurde vom Zweiten Weltkrieg hart getroffen. Im August 1943 zerstörten die Bombenangriffe auf Elmshorn das Gebäude Königstraße 10, die Räumlichkeiten brannten vollständig aus. Doch bereits im November 1943 verkaufte Schlüter schon wieder Schuhe, bis 1948 aus provisorischen Geschäftsräumen in der Königstraße 32.83 Am 10. August 1948 – gerade mal zwei Monate nach der Währungsreform – präsentierte „Salaman­der Schlüter“ schließlich an alter Stätte ein neues Ladengeschäft in einem eingeschossigen Neubau.

Die Königstraße bot ein Bild der Zerstörung nach dem Bombenangriff 1943. Rechts am Bildrand die Häuser 6-8 „Café Schrader“, 10 „Salamander“ und 12-14 „Privilegierte Apotheke“. Foto: Per Koopmann, StA Elmshorn
Menschenschlangen bei der Wiedereröffnung der „Salamander“-Filiale am 10. August 1948. Gegen 10 Uhr vormittags sollen bereits tausende Kauflustige anwesend gewesen sein. Ein starkes Polizeiaufgebot regelte die Ordnung. Die Verkaufsleitung ließ nummerierte Aufrufmarken ziehen. Foto: StA Elmshorn

Mit dem Zwischenverkauf und dem neuen Laden kam Schlüter einem allgemeinen Bedarf entgegen, waren doch direkt nach dem Zweiten Weltkrieg Gebrauchsgüter wie Schuhe zunächst noch schwer zu bekommen. Viele gaben ihre Schuhe, teilweise mehrfach, zur Reparatur. Das Wirtschaftswunder, das mit einer allgemeinen Verbesserung der finanziellen Lage in deutschen Haushalten einherging, führte dazu, dass sich die Elmshorner*innen nun wieder vieles leisten konnten. So auch neue Schuhe. Weil der Reparaturbetrieb sich aufgrund dieser Entwicklung bald nicht mehr lohnte und Walter Schlüter außerdem das Rentenalter erreicht hatte, gab er 1951 die parallel zum Schuhgeschäft betriebene Reparatur­werkstatt auf. Fortan konzentrierten sie sich nur noch auf den Schuhverkauf.

Innenausstattung nach dem Neubau im Jahr 1948. Foto: Privatbesitz
Hier ein Einblick in einen der 1958 neu gestalteten Verkaufsräume im Erdgeschoss. Das Rauchen während der Anprobe war bis in die 1970er Jahre erlaubt. Offensichtlich sollte es den Kund*innen an nichts fehlen! Foto: Per Koopmann, StA Elmshorn

1958 stockten sie das ursprünglich eingeschossige Geschäftshaus um drei weitere Geschosse auf und richteten dort Dreizimmerwohnungen ein. Im Erdgeschoss waren Laden und Werkstatt untergebracht, im ersten Stock wohnten Walter Schlüter und Frau, in den vierten Stock zog 1962 Familie Herbert Schlüter ein. Seit der Neueröffnung des Ladens am Sonntag, 26. April 1959, prangte die erste Leuchtanzeige – in der Farbe „klarweiß“ – über dem Eingangsbereich. Ab Mitte der 1960er Jahre durfte „Salamander Schlüter“ auch Waren anderer Hersteller verkaufen.

Umbau des Geschäftshauses

1961 trat Herbert Schlüter (1923-2003), Walters Sohn, als Mitinhaber in die Firma ein. Kurz darauf musste er seinen Geschäftssinn unter Beweis stellen. Am 16. und 17. Februar 1962 ereilte Elmshorn die Flutkatastrophe. Das Wasser stand einen Meter hoch im Laden und ein großer Teil der Warenvorräte wurde dabei vollständig zerstört. Aus den zerstörten Schaufenstern starteten Schlüters einen „nasse Schuhe“-Räumungsverkauf. Um weitere Schäden an der Bausubstanz zu verhindern und mehr Waren präsentieren zu können, nutzte Herbert Schlüter die Gelegenheit zum Ausbau.

Geschäftserweiterungen in Elmshorn

1972 wurde Herbert Schlüter Alleininhaber. Er ließ Laden und Schaufenster ausbauen. Auch entschied sich die Familie, in Elmshorn mit dem Schuhgeschäft zu expandieren: 1974 eröffnete Schlüter in der Holstenstraße 6 die Filiale „Der SchuhLaden“. Dort wurde die Restware, die aus der vergangenen Saison aus dem Laden in der Königstraße übrig geblieben war, verkauft.

In der Königstraße konzentrierten Schlüters ihr Sortiment auf Sportschuhe und modische Schuhe. 1974 ließen sie dort einen Fahrstuhl einbauen, über den fortan alle Stockwerke erreicht werden konnten. Bis auf den vierten Stock, in dem weiterhin Familie Herbert Schlüter wohnte, wurde das Haus nun geschäftlich genutzt. Der ganze erste Stock war Sportabteilung, im zweiten Stock befand sich ein Lager, im dritten waren Büroräume.

1976 übernahm Herbert Schlüter eine Filiale in der Holstenstraße 8, die unter dem Namen des Vorbesitzers „Schlesier Schuhe“, weitergeführt wurde. Er hatte „Bequem- und Einlagenschuhe“ im Sortiment, ein Spezialsegment, das aus der Königstraße dorthin ausgelagert wurde.

Werbemaßnahmen gegen den Preiskampf in der Schuhbranche. Die Strategie: Tragekomfort, Qualität – und Modelle, denen „frau“ nicht widerstehen konnte. „Elmshorner Nachrichten“ vom 24. und 28. Februar 1967

1980 schließlich stieg mit Herbert Schlüters Sohn Stephan Schlüter, der Bankkaufmann gelernt hatte, die vierte Generation in den Familienbetrieb ein. Da das Geschäft mit Sportartikeln gut lief, wurde die Verkaufsfläche durch einen Anbau verdoppelt. Auch expandierten „Salamander Schlüter“: Von 1985 bis 1992 betrieben sie eine Filiale in Wedel, von 1988 bis 1995 eine in Neumünster.

1984, pünktlich zum 75. Jubiläum, prangte die charakteristische grüne „Salamander“-Leuchtanzeige über dem Eingang. Foto: Privatbesitz

1989 übernahm Stephan Schlüter die Geschäftsleitung und führte den Laden bis zur Schließung im Jahr 2008 gemeinsam mit seiner Frau Heike. Anschließend zog dort eine „s.Oliver“-Filiale ein.

„Salamander-Schlüter“ – ein Paradies für Kinder

Für viele Elmshorner*innen ist „Salamander Schlüter“ das Schuhgeschäft ihrer Kindheit und Jugend.

Schon früh hatte „Salamander“ Kinderschuhe verkauft, 1949 dann in ihren eigenen Werken Kinderschuhe produziert. Um die Kinder während des Schuheinkaufs der Eltern zu beschäftigen, erfand „Salamander“ 1937 die Comicfigur „Lurchi“. Die „Lurchi-Hefte“ bekamen die Kinder geschenkt.

Ab Mitte der 1960er Jahre gab „Salamander“ zusätzlich Malhefte heraus, außerdem Schallplatten mit Hörspielen. Diese und weitere Geschichten für Kinder waren an der sogenannten „Märchenbar“ bei „Salamander Schlüter“ zu hören.

Die Lurchi-Hefte erschienen von 1960 an auch als „Lurchis gesammelte Abenteuer“. Hier ein Ausschnitt aus dem Titelbild des zweiten Bandes, in der die Folgen 22 bis 40 erschienen sind. Leihgabe aus Privatbesitz
Der beliebte Lurchi erschien auch als Sammelfigur. Leihgabe aus Privatbesitz. Foto: Teja Sauer, IME
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