Claus Panje

Blinder Kaufmann mit Weitblick

Claus Panje verdankt Elmshorn seine Anbindung an die Eisenbahnlinie Altona-Kiel. Er lebte in der Königstraße 58.

Claus Panje, nach einem Ölgemälde von Heinrich Morthorst, um 1830. Das Original befindet sich in Privatbesitz. Foto: T. Sauer

von Uta Robbe-Oberhössel

An seiner Person scheiden sich die Geister. Die einen sehen in Claus Panje (1795 – 1875) den ersten Kapitalisten der Stadt, der eigene Interessen mit denen des Förderers vermischte. Für andere ist er ein Visionär, ohne dessen Einsatz der Ort 1844 nicht an die erste Zugstrecke Schleswig-Holsteins angeschlossen worden wäre. Er sorgte dafür, dass der Bahnhof erbaut wurde und Elmshorn in die Neuzeit dampfen kannte. Seine Durchsetzungskraft gepaart mit eisernen Willen war umso bemerkenswerten, als er mit 45 Jahren erblindete, vermutlich wegen einer Quecksilbersalbe, die vor der grassierenden Krätze-Krankheit schützen sollte.

Panje stammte aus Elskop, in Altona hatten ihm seine Eltern eine gute Schulausbildung ermöglicht. Als junger, an allem Neuen interessierter Kaufmann kam er nach Elmshorn und führte am Alten Markt einen ertragreichen Laden für Eisen, Kolonialwaren und Korn. Panje hatte eine große Nase und einen noch größeren Riecher für Geschäfte. Ihn faszinierten dampfgetriebene Maschinen. Er erkannte bald, dass sie das Leben seiner und nachfolgender Generationen revolutionieren würden. Als erster Elmshorner baute er in sein Haus eine Zentralheizung ein. Ein Kessel in der Küche (in Form einer Lokomotive) erzeugte Dampf, der durch Rohre in kupferne Heizkörper geleitet wurde.

Als Dänenkönig Christian VIII. 1840 Pläne zum Bau einer Eisenbahnlinie von Altona nach Kiel erarbeiten ließ, sah Panje die Möglichkeit, die wirtschaftliche Bedeutung seiner Stadt zu stärken. Diskutiert wurden Strecken über Uetersen, Barmstedt und Elmshorn. Da die Barmstedt-Trasse am günstigsten war, wurde im fernen Machtzentrum Kopenhagen entschieden, die Gleise „unabänderlich“ über den Nachbarort zu führen. Unabänderlich? Das wollte Panje nicht hinnehmen. Immerhin hatte Elmshorn Anschluss an die Elbe und die Nordsee, hier schnitten sich mehrere Landstraßen, die fruchtbare Marsch lag vor der Haustür und auf engstem Raum lagen wichtige Ortschaften. Barmstedt, argumentierte er, habe nur 7.802 Einwohner, während der Elmshorner Interessenkreis auf 40.000 geschätzt werde. Im Itzehoer Wochenblatt schrieb er 1842: »Elmshorn hat 87 Schiffe, zwei Grönlandfahrer, zwei Oelmühlen‚ drei Salzraffinerien‚ drei Käcks- und Mehlfabriken‚ welche jährlich 50.000 Tonnen Weizen und Hafer verarbeiten und nach Hamburg und Altona verschicken, drei Schiffswerften, drei Ziegeleien, zwei Kalkbrennereien, eine Sägemühle und zwei bedeutende Holzsägereien, von welchem allen in Barmstedt keine Spur ist.“

Doch auch Panjes Mitbürger mussten erst mühsam vom Nutzen der Bahn überzeugt werden. Sa soll dem dritten Band der Geschichte der Stadt Elmshorn von Konrad Struve zufolge damals Bauer Harm Früchtenicht den Ölmüller Michel Junge gefragt haben, was er davon halte. Dieser antwortete „Ich und drei oder vier von hier fahren viermal im Jahre nach Hamburg; dann sind acht bis zehn da, die die Reise zweimal im Jahre machen, und die doppelte Zahl fährt wohl einmal im Jahre dahin. Nun kannst du dir selbst ein Urteil bilden, ob eine Notwendigkeit und ein Glück darin liegt, wenn die Bahn über Elmshorn gebaut wird. Wie viel Geschäfte, die Fahrwerk betreiben, dadurch ruiniert werden, davon wollen wir nicht reden.“ Viele sorgten sich, dass das rasende Ungetüm für Kinder, Hunde und Hühner gefährlich sei und aus Hamburg diebische Herumtreiber kämen, die sittliches Verderben bringen würden.

Fackelumzug zu Ehren von Claus Panje im Jahr 1842. Kohlezeichnung von Wilhelm Petersen, 1935. Sammlung Industriemuseum

Panje ließ sich dennoch nicht entmutigen. Er verhandelte mit Bauern, Bürgern und politischen Vertretern. Er setzte alle Energie daran, seine Vision zu verwirklichen. Dazu musste er mit König und Ministern Kontakt halten. Der blinde Kaufmann ließ Koffer packen und machte sich mit seinem Diener Christian Kruse auf die mühsame Reise in die dänische Hauptstadt. Sein Ziel: der Regierung die Streckenführung über Elmshorn schmackhaft machen (und die „unabänderliche“ Barmstedt-Trasse vergessen lassen). Der Bahnminister soll mit einigen Beuteln Geld überzeugt worden sein, die Panje „zufällig“ mitgenommen hatte. Nun wurde von der Regierung in Kopenhagen die Bedingung gestellt, dass Elmshorn 40.000 schleswig-holsteinische Mark zu den Baukosten beitragen und das Doppelte dieses Kapitals in Bahnaktien investiert werden müsse. Das sollte machbar sein, meinte Panje, und ging wieder auf Reisen, besuchte die wohlhabenden Marschendörfer seiner Heimat und warb für die Aktienzeichnung. Dabei nutzte er sowohl geschäftliche Verbindungen als auch verwandtschaftliche Beziehungen seiner Frau Catharine, Tochter des reichen Herzhorner Hofbesitzers Mehlen. Damit nichts schieflaufen konnte, ließ er sich von den Aktienzeichnern stante pede die Vertretung bei der Abstimmung übertragen. Zugleich nutzte der Kaufmann seine Überlandfahrten für eigene Zukunftsinvestitionen: Er verstreute Tüten mit Samen des bis dato unbekannten Rhabarbers und verteilte Pflanzanweisung und Zubereitungstipps um den Anbau des Gemüses zu fördern, schließlich vertrieb er ebenfalls Gartensämereien.

Claus Panje gab regelmäßig einen Volks- und Gartenkalender heraus. Neben Kalendernotizen und Hinweisen zur Saatenfolge des Korns waren dort auch „Ebbe und Fluth-Beobachtungen“ und „günstige“ Planetenkonstellationen erfasst. Das einzige bisher bekannte Original, hier aus dem Jahr 1849, befindet sich in Familienbesitz.

Allmählich wuchs die Zahl der Bahnbefürworter. Als 1842 der Beschluss gefasst wurde, die Elmshorn-Strecke zu bauen, ehrte die Bevölkerung Panje mit einem Fackelzug. Heimatautor Christian Eckermann schreibt in seinen Jugenderinnerungen: „Un de Barmstedter weern uns eerst recht nicht grön, sid de Isenbahn, de Christian VIII. Barmstedt verspraken hart, doch aewer Elmshorm keem.“ In der Tat schäumten die Bewohner des Nachbarortes vor Wut. Ein Spottbild in der zeitgenössischen Zeitschrift Reform zeigt, wie sich ein Barmstedter und Panje, an der kräftigen Nase erkenntlich, mühen, die Dampflok auf ihre Seite zu ziehen. Heimatforscher Struve. erklärt: „Während der Barmstedter auf den Rücken fällt, dass die Pantoffeln fliegen, reißt der Elmshorner die Bahn an sich und dreht dem Unterlegenen eine Nase. Zwischen beiden thront die Gerechtigkeit in Gestalt einer grießgrämlichen alten Schachtel mit verrutschter Augenbinde und abgebrochenem Schwert. Unter dem Zug der Aktionäre senkt sich die Waagschale zugunsten Elmshorns.“

Spottbild aus der Zeitschrift Reform.

Am 18. September 1844, dem Geburtstag von Christian VIII., erschien der König persönlich, um den Bahnhof einzuweihen. Panje führte ihn umher und genoss sicherlich den Tag seines Triumphes. Zumal er plante, eines seiner eigenen „Schäfchen“ ins Trockene zu bringen und nahe des Schienenstrangs die: Schweizer Halle zu errichten. Sie sollte Reisenden Unterkunft bieten und rasch zum gesellschaftlichen Mittelpunkt des Ortes werden. Panje hatte vorausschauend großflächig Ländereien entlang der Trasse bis zum Gebiet Sibirien am Rande der Stadt aufgekauft und nahe dem heutigen Fußgängertunnel an der Mühlenstraße ein Schlachthaus gebaut. Von hier aus wollte er Handel mit Altona und Hamburg treiben. Je nach Sichtweise auf den ersten Kapitalisten oder großzügigen Förderer bleibt zu bewerten, was Pastor Hans Heinrich Prieß 1922 in den Elmshorner Nachrichten schrieb: „Auch in kleinen Dingen zeigte Panje besondere Fürsorge über seine Eisenbahn. Er sorgte dafür, dass für die Bahnbeamten Häuser erbaut wurden, dass nette Gärten dabei waren und sie mit Fruchtsträuchern und Obstbäumen bepflanzt wurden. Er lieferte ihnen zu gute Gartensämereien aus seinem Geschäft.“

Bis ins hohe Alter war Panje als Erfinder tätig. Laut Prieß entwickelte er ein brauchbares Straßenautomobil, stellte künstliches Mineralwasser her und baute eine Seesprengmine, die er für Kriegszwecke dem König vorführte. Im Winter erprobte er sie auf der Stauung bei der Krückaubrücke und brachte zum Ergötzen der Zuschauer die Eisdecke zum Bersten.

Doch der umtriebige Kaufmann hatte auch eine weiche Seite. Er soll eine glückliche, aber kinderlose Ehe mit Catherine geführt haben (die 100.000 Mark Mitgift in die Ehe brachte). Außerdem liebte er seinen parkähnlichen Garten hinter dem Haus am Alten Markt, der sich bis über die Gärtnerstraße hinauszog und von Zeitgenossen als „schön wie das Paradies“ beschrieben wurde. Auf dem Gelände befanden sich unter anderem eine Halle mit exotischen Vögeln und gepolsterte Rundsofas, die zum Ausruhen einluden. Durch den Obstgarten mit edlen Fruchtsorten führte ein breiter Weg bis zu einem Teich, auf dem Seerosen blühten und den Panje – ganz Geschäftsmann – zur gewerbsmäßigen Blutegelzucht nutzte. Während seiner letzten Lebensjahre verbrachte er viel Zeit in seinem Park und soll dem Gesang der Nachtigallen gelauscht haben. Nach seinem Tod fiel die Anlage dem Bau der Kirchenstraße sowie dem „nüchternen Spekulationsgeist“ zum Opfer, dem auch Panje einst huldigte. Erhalten blieb jedoch sein wichtigstes Erbe: der Bahnhof, der den Grundstein dafür legte, dass aus einem verschlafenen Flecken eine aufstrebende Stadt werden konnte.

Dieser Text erschien zuerst in Patrizia Held, Uta Robbe-Oberhössel: Stadtgespräche aus Elmshorn, Meßkirch 2014.

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