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Radio Wichmann

Das Radio Wichmann-Team vor dem Ladengeschäft im Jahr 1948. Weiße Kittel standen für Seriösität. Hinten mittig Hans Wichmann, vorne dessen Tochter Christel Wichmann. Foto: Sammlung IME

1936 eröffneten Hans Wichmann und Ehefrau Berta, geborene Jürgensen, in der Königstraße 50 das Radiospezialgeschäft „Radio Wichmann“. Bis zur Währungsreform 1948 führten sie dort hauptsächlich Radio-Reparaturen durch. Ein weiteres Standbein war die Vermietung von Lautsprecherwagen. Ab den 1950er Jahren hatte Wichmann neben Radios auch Fernseher und Schallplatten im Sortiment.

Kurz nach dem Umzug in die Königstraße – Wichmanns führten in Elmshorn bereits seit 1928 ein Radio-Spezialgeschäft – wurde Hans Wichmann zum Wehrdienst eingezogen. Während seiner Abwesenheit führte Ehefrau Berta das Geschäft weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg Tochter Christel mit in den Betrieb ein. Schon 1946 hatte Hans Wichmann Otto Plump zum Geschäftsführer gemacht. Gemeinsam mit Christel, die wie Berta für die Beratung und den Verkauf zuständig war, führten sie zu dritt die Geschicke des Geschäfts. Später stieß Plumps Ehefrau ins Team. Zusätzlich betrieb die Familie ab 1957 eine Filiale in Krempe, die sie jedoch 1967 aufgab.

Die Konkurrenz schläft nicht: I.P.H. Kröger, Oberhellmann und Radio Dörr

Bevor das Radio ab den 1920er Jahren allmählich zum Massenmedium wurde, war Zeitungslesen, Hausmusik und Musik von der Schallplatte verbreitet. Das Aufkommen von Radios war eine Revolution! Radio Wichmann war eines der ersten vier Radiofachgeschäfte in Elmshorn, bis 1959 verdoppelte sich diese Anzahl.

In Wichmanns Reparaturwerkstatt, hier Mitte der 1950er Jahre, wurden jahrzehntelang sehr viele Lehrlinge ausgebildet und geprüft. Auch aus anderen Lehrbetrieben, wie Zeitzeuge Karlheinz Mohr berichtete. Foto: Sammlung IME

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts handelte die Firma I.P.H. Kröger in der Schulstraße mit „Musikwerken“. In der Königstraße und in den umliegenden Straßen boomte das Geschäft mit Rundfunkgeräten und Elektrotechnik: In der Königstraße 57 reparierte Alfred Becherer elektro- und radiotechnische Geräte, in der Königstraße 23 betrieb außerdem Friedrich Oberhellmann eine Elektrogroßhandlung, mit Reparaturwerkstatt im Hinterhof. Seit 1957 gab es am Bahnhofstunnel außerdem Radio Dörr, die in der Königstraße 2 im Jahr 1964 in neuen Geschäftsräumen wiedereröffneten.

Für viele in den 1950er Jahren nur ein Traum: Luxustruhen, bestehend aus Fernseher und Radiogerät, links sogar ein Modell mit integrierter Bar. Foto: Sammlung IME

Fernsehen daheim?

Ab 1951 gab es bei Radio Wichmann die ersten Fernsehmodelle zu kaufen. Die Faszination für das neue Medium Fernsehen, die die Bundesrepublik erfasst hatte, nutzte der technikbegeisterte Hans Wichmann für spektakuläre Marketingaktionen. So zeigte er im Verkaufsraum und in den Schaufenstern Fernsehübertragungen und stellte in einer Gaststätte in Kollmar die Funktionsweise dieser neuen Technik vor. Als 1967 der Startschuss für das Farbfernsehen fiel, standen kurz darauf auch in den Elmshorner Geschäften die ersten Farbfernseher zum Verkauf. Mit einem Preis von 2.300 bis 2.500 DM waren Farbfernseher zu jener Zeit jedoch noch ein Luxusgut.

Vom 20.7. – 2.8.1952 ließ Hans Wichmann auf drei Fernsehgeräten im Schaufenster täglich die Olympiade in Helsinki übertragen.
Foto: Sammlung IME

Schallplattenbar und schneller Kundenservice

Auch der Schallplattenmarkt erlebte einen Boom.

Musik hörte die Elmshorner Bevölkerung auf Veranstaltungen in Gaststätten, in Tan­­­zschulen, via Musiksendungen im eigenen Radio, Schallplattenspieler und Musiktruhe. Auf der Suche nach den neuesten Hits erfreuten sich die Radio- und Fernsehgeschäfte großer Beliebtheit. Auch Radio Wichmann eröffnete am 5. November 1955 die erste „Schallplattenbar“, die Mitte der 1960er Jahre vergrößert wurde.

Schallplattenbar nach der Erweiterung des Geschäfts, aufgenommen im Jahr 1968. Foto: E.-G. Scholz

Sämtliche Radiogeschäfte in Elmshorn stellten sich im Laufe der Jahrzehnte auf wandelnde Zielgruppen und Musikgeschmäcker ein. Schallplattenbars wurden zum Treffpunkt für Jung und Alt. Manch eingefleischter Musikfan verbrachte dort sogar bis zu mehrere Stunden mit dem Hören von Neuerscheinungen. Ob sie dann auch kauften und wie die Inhaber auf diese Dauergäste reagierten, ist nicht überliefert.

Ab Mitte der 1960er Jahre waren die meisten der Elmshorner Haushalte mit eigenen Fernsehgeräten ausgestattet. Da wiederkehrende technische Schwierigkeiten den ungetrübten Fernsehgenuss schmälerten, reagierte die Branche mit dem Ausbau des Kundendienstes. Und auch Wichmann warb seit September 1964 mit dem Werbeslogan: „Kein Bild – kein Ton – wir kommen schon.“

Zur gleichen Zeit vergrößerten sie mit der Übernahme der nach links angrenzenden Geschäftsräume, vormals Kaisers Kaffeegeschäft, abermals die Verkaufsfläche. Damit schufen sie Platz für eine neue Schallplatten-Bar. In jenen Jahren beschäftigte Wichmann 20 Fachkräfte.

Radio Wichmann in der Königstraße 50 im Jahr 1968. Um die Verkaufsräume für Fernseher und Schallplatten zu erweitern, übernahm die Firma 1964 die benachbarten Geschäftsräume von Kaisers Kaffeegeschäft. Foto: E.-G. Scholz
Verstärkt seit den 1960er Jahren mussten sich deutsche Hersteller gegen ausländische Marken, zunächst aus Norwegen und Dänemark, behaupten, deren Design moderner war. Im Bild der langjährige Mitarbeiter Otto Plump, der eine Stereoanlage des dänischen Herstellers Bang & Olufsen bedient, 1968. Foto: E.-G. Scholz

Aufgrund des ständig härter werdenden Wettbewerbs in der Branche waren bald neue Einkaufs- und Vertriebskonzepte gefragt. 1976 trat Wichmann der „Weltfunk Fachhandelsgemeinschaft e.V.“ bei.  Auch die anderen Radiogeschäfte in Elmshorn schlossen sich Einkaufsgenossenschaften an.

Nach dem Tod der Mutter im Jahr 1980 entschied Christel Wichmann in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen. Sie übergab das Geschäft zum 6. Januar 1981 an Marlies und Manfred Broscheit. Mit den aufkommenden Video- und Hifi-Riesen konnte das inhabergeführte Geschäft jedoch nicht mithalten. Zum 30. September 1986 gaben die Broscheits das Geschäft auf. Danach übernahmen Foto Tetzel (Königstraße 50) und Sporthaus Blöcker (Königstraße 50a) die Geschäftsräume. Seit 2017 gibt es dort eine Filiale der Handelskette „Depot“, in der Möbel, Deko & Wohnaccessoires‎ zu bekommen sind.

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