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Über Generationen beliebt: Räder und Eis

„Moto-Hauschildt“ war bis 2001 über vier Generationen ein bekanntes Fachgeschäft in Elmshorn.246

Die Wurzeln reichen zurück in die Königstraße: Der Schmied Claus Hauschildt betrieb ab 1860 eine Schmiedewerkstatt an dem Platz, wo heute das Geschäft „Ramelow“ zu finden ist.

Nachdem der Betrieb in die Peterstraße verlegt wurde, trat Sohn Matthias als gelernter Schlosser mit in die Werkstatt ein. Zu dieser Zeit, Ende des 19. Jahrhunderts, verbreitete sich das Fahrrad als ein ganz neues Fortbewegungsmittel. Zunächst gefertigt von örtlichen Schmieden, dann industriell hergestellt in der Fabrik.

Matthias Hauschildt nahm regen Anteil an der neuen Technik und der Beliebtheit der Stahlrösser und wurde selbst begeisterter Radfahrer. Er stieg um 1900 in das boomende Geschäft ein und begann mit dem Handel und der Reparatur von Fahrrädern.

Mit dieser Geschäftserweiterung auf Fahrräder erfolgte der Umzug in die zentrale Königstraße, diesmal in die Nummer 48. Der technische Fortschritt führte bald zu einer weiteren Expansion. 1924 vergrößerte sich der Betrieb um einen Handel mit Motorrädern und Automobilen. Aber auch Klempner- und Schlosserarbeiten wurden noch angeboten.

1906 kaufte Matthias Hauschildt das damals noch einstöckige Haus Königstraße 48, heute das Eis-Café „Vittoria“. Im Erdgeschoss das Ladengeschäft mit kleiner Werkstatt, oben die Wohnung für die Familie Hauschildt. Foto: Privatbesitz
Matthias Hauschildt mit seinem Hochrad. Foto: Privatbesitz
Den Heinkel-Roller, Typ 103a, kaufte Ralf Butenschön bei Moto-Hauschildt am 3. April 1959 zum Listenpreis von 1.890 DM. Seine Tochter erinnert sich: „Meine Kindheit war mein Vater und sein Roller.“ Im Rahmen des Projektes „773 Schritte durch die Zeit“ spendete sie den Roller mitsamt Zubehör wie Kindersitz dem Industriemuseum Elmshorn. Foto: Privatbesitz

Im Jahre 1939 übergab Matthias Hauschildt den Betrieb an seine zwei Söhne Max und Walter. Nach dem Zweiten Weltkrieg teilten sich die Wege der Söhne. Max Hauschildt übernahm Automobil-Werkstatt sowie Fahrschule und verlegte diese 1955 an den Sandberg. Sein Bruder Walter kümmerte sich zunächst nur um den Verkauf von Fahrrädern und zog 1956 in den Bauerweg 37 um.

1965 wurde Walters Sohn Klaus mit 26 Jahren Firmenchef in der vierten Generation. Er baute „Moto-Hauschildt“ erfolgreich zu einer bekannten Adresse für Motorrad- und Rollerfreund*innen aus. Selbst leidenschaftlicher Motorradsportler, nahm Klaus Hauschildt von 1960 bis 1973 an vielen Rennen teil.

Am 30. Juni 2001 gab Klaus Hauschildt sein Geschäft auf, da er keine Nachfolge fand. Seine Kinder wollten das Risiko der Selbstständigkeit nicht auf sich nehmen.

1930 feierte „Fahrrad-Hauschildt“ 70-jähriges Betriebsjubiläum. Mit zum Sortiment gehörten jetzt Motorräder und Automobile. Foto: Privatbesitz
Das Haus Königstraße 48 wurde von „Moto-Hauschildt“ an den Hamburger Filialisten „Übersee-Kaffee“ Werner Limberg verkauft, der im Hause ein Kaffeegeschäft einrichtete und ab 1961 die rechte Hälfte an Angelo Vittoria vermietete. Links an das „Übersee-Kaffee“ grenzte das „Radiofachgeschäft Wichmann“ an (Königstraße 50). 1970 erwarb Angelo Vittoria das Haus und erweiterte seine Eisdiele. Foto: E.-G. Scholz

Hausgemachtes Eis

Eis hat in Elmshorn einen Namen: Vittoria. Denn so heißt die Familie, die gemeinsam mit ihrem Team bereits in der zweiten Generation die Stadt mit Eis versorgt und seit 1961 ein Hauch von „Dolce Vita“ an die Krückau bringt. Seitdem ist der Betrieb nicht nur stetig gewachsen, er ist selbst zu einem festen und beliebten Bestandteil der Elmshorner Stadtkultur geworden.

Ausgangspunkt und immer noch Stammsitz der „Gelatieri“ (Eiskonditoren) ist die Eisdiele mitten in der Königstraße. Sie ist seit Jahrzehnten der Treffpunkt in der City für Elmshorner aller Altersklassen und Berufsstände. Und seitdem in den Wintermona­ten die Eisdiele nicht mehr geschlossen und zum Verkauf von Pelzmänteln weitervermietet wird, sitzen die Elmshorner hier sogar im Winter unerschrocken draußen. Sie wollen mittendrin im Geschehen ihrer Fußgängerzone sein, denn „Sehen und gesehen werden!“ lautet das Motto – wohlig erwärmt mit Köstlichkeiten aus dem Hause Vittoria.

Der Bruder von Fabio Vittoria hinter der Eistheke im Stammgeschäft, Königstraße 48, 1985. Foto: Carsten Petersen

Chef des Ganzen ist Fabio Vittoria. Er trat 1988 als damals 30-Jähriger in die Fußstapfen seines Vaters Angelo (1920-2015). Nach dessen Tod übernahm er die alleinige Geschäftsführung des „Eiscafés Vittoria“ in der Königstraße 48. Dass er damals schon viele Jahre lang im elterlichen Betrieb mitgearbeitet hatte, wissen die meisten Elmshorner*innen. Dass sich der freundliche und bescheidene Mitarbeiter von damals aber auch theoretisch sehr intensiv auf seine zukünftige Aufgabe als Chef vorbereitet hat, ist weitgehend unbekannt: Fabio Vittoria hat einen Doktortitel im Fach Wirtschaft.

Es ist aber vor allem seine ruhige und freundliche Art, die Fabio Vittoria für viele Elmshorner*innen zu einem Original der Stadt werden lässt. Er ist für sie der sympathische „Eismann“, der täglich den Cappuccino bringt oder die Waffel mit dem Eis über den Tresen reicht. Fabio Vittoria ist in erster Linie der Elmshorner Familienvater, der für seine Gäste immer ein freundliches Lächeln und ein paar nette Wort hat. Erst im Hintergrund ist er der Geschäftsführer, der Manager eines Familienbetriebes, der alles am Laufen hält und zugleich Umbauten, Erweiterungen und Umgestaltungen seiner Eiscafés initiiert.

Sitzen im Freien vor dem „Eiscafé Vittoria“. Foto: StA Elmshorn

Bei alledem ist Vittoria sehr erfolgreich: Allein zwischen dem Alten Markt und der Holstenstraße/ Bahnhof betreibt die Familie inzwischen drei Eiscafés sowie einen großen und einen kleinen Eis-Pavillon. Letzterer heißt sogar „Op de Kö“ und steht heute in Bahnhofsnähe neben der Bushaltestelle in der östlichen Königstraße, ausgerichtet zum Holstenplatz. Auch hier laden neben dem schrill-grünen Pavillon in der Saison einige Tische und Stühle zum Verweilen ein.

Überhaupt, im „Eiscafé Vittoria“ genießen die Gäste italienisches Eis von Anbeginn an im Sitzen – was nicht unbedingt üblich in Eisdielen war –, und seit dem Bau der Fußgängerzone 1972 sind auch Plätze im Freien obligatorisch. Das vom Vater Angelo im Jahr 1961 gegründeten Stammgeschäft in der Königstraße war übrigens nur ein ganz schmaler Laden. Gäste konnten gerade am Eistresen vorbei gehen, um an die Tische im hinteren Teil des Ladens zu kommen. Später wurde die Eisdiele dann Stück für Stück in Richtung Kirche zur heutigen Größe verbreitert. Und: Erst später kamen neben dem Eis auch die besonderen Kaffeespezialitäten hinzu, die heute angeboten werden.

Sohn Fabio Vittoria setzt die Innovationsfreudigkeit fort. Für die zahlreichen Umbauten und Neueinrichtungen in seinen Geschäften ließ er sogar mehrfach Mobiliar italienischer Hersteller importieren. Mittlerweile hat sein Betrieb fünf weitere Niederlassungen und beschäftigt in der Saison 29 Mitarbeiter*innen. Das Angebot an selbstgemachtem Eis, das in den 1960er Jahren für damalige Verhältnisse bereits sensationelle sechs Sorten umfasste, erweiterte Vittoria mittlerweile auf inzwischen 30 Geschmacksrichtungen.

Zum Stammgeschäft in der Königstraße 48 kamen neben den zwei Pavillons auf dem Alten Markt und beim Holstenplatz in der Innenstadt noch 1983 die „Eisboutique Vittoria“ in der Holstenstraße 4 und 1996 das „Eiscafé Vittoria“ am Alten Markt 13. Im Jahr 2011 folgte eine Niederlassung bei „Edeka Hayunga“ am Wedenkamp, 2014 dann der Schritt über die Stadtgrenze hinaus: Vittoria eröffnete unter seinem Namen in Rellingen, Hauptstraße 80, und 2015 in Barmstedt, Am Alten Markt 9, zwei weitere Eiscafés.

Angelo Vittoria

Angelo Vittoria (1920-2015) reiste 1937 erstmals von Italien aus nach Deutschland und eröffnete ein Jahr später in Halle an der Saale seine erste Eisdiele. 1942 gab er das Geschäft auf, denn er musste Soldat werden und wurde in seine Heimat zurückgeschickt.

Obwohl von den Erlebnissen des Zweiten Weltkrieges gezeichnet, ließ ihn seine Leidenschaft für das Eismachen nicht los. Schließlich stammte er aus einer Familie von Gelatieri. Die Eismacherkunst ging bei den Vittorias von Generation zu Generation über. Wie rund 75 Prozent der heutigen etwa 3.000 italienischen Eismacher in Deutschland kommt auch die Familie Vittoria aus Val di Zoldo, zwei Tälern in den südlichen Dolomiten. Schon Angelos Großvater Rodolfo verkaufte in dem bei Touristen beliebten Urlaubsort Porlezza an der Grenze zwischen Italien und der Schweiz von 1925 an selbst gemachtes Speiseeis, das er – wie damals üblich – mit dem Eis-Fahrrad transportierte.

Angelo Vittoria, hier im Jahr 1985, gründete die Eisdiele 1961. Foto: Carsten Petersen
Der Eingangsbereich der Eisdiele im Jahr 1973. Das Werbeschild im Fenster verrät, dass Vittoria nun auch „Expresso-Kaffee“ anbot und sechs Sorten Eis: Zitrone, Erdbeer, Banane, Nuss, Vanille und Schokolade. Foto: Privatbesitz
Eröffnungstag in der „Eisdiele Vittoria“ am 15. März 1961. Der Gründer Angelo Vittoria und sein erstes Stammpersonal, Elena C. und T. de Martini, im Hintergrund die Eismaschine. Foto: Privatbesitz

Angelo Vittoria, der 1953 seine ebenfalls aus einer Eismacher-Familie stammende Frau Elena Sagui (*1931) geheiratet hatte, wollte an die Vorkriegstage anknüpfen und sich nach einem neuen Standort in Deutschland umschauen. Auf der Suche nach entsprechenden Räumen und um Erfahrungen zu sammeln reiste er 1959 mit einem Motorrad fast 80.000 Kilometer durch Deutschland. Letztlich wurde er im Norden fündig, und am 15. März 1961 eröffnete er in der Elmshorner Königstraße 48 seine eigene Eisdiele. Dabei musste er sich gegen allerhand Mitbewerber durchsetzen. So hatte zum Beispiel ein Italiener bereits die Eisdiele „Venezia Eis“ eröffnet, anfangs in der östlichen Königstraße – in etwa dort, wo heute der kleine grüne Eispavillon von Vittoria steht – in einer Holzbaracke. Auch einige Konditoren der Stadt fertigten Eis an. In der Königstraße zum Beispiel verkaufte die „Konditorei Koch“ bereits Vanille-, Frucht- und Schokoladen-Eis. In der Mühlenstraße, direkt am Fahrtunnel zur Königstraße, bot Familie Blaubauch in ihrem noch heute bestehenden Café ebenfalls Eis an, allerdings noch in muschelartigen Waffelblättern – die heute bekannte Eistüte ist definitiv eine italienische Erfindung.

Die Coronakrise stellt den Alltag auf den Kopf. Bei den zahlreichen Corona-Verordnungen herrscht bei vielen Menschen mittlerweile Verunsicherung. Diese Aufnahme der Eisdiele entstand am 24. April 2020, die notwendigen Abstände sind auf den Boden geklebt, die Stühle und Tische eingeräumt – es darf nur außer Haus verkauft werden. Foto: Carsten Petersen

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