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Café Koch

von Carsten Petersen

Das Gebäude Königstraße 20 kurz vor der Schließung des Cafés Koch 1980. Links der Treppenaufgang zum Café im ersten Stock, im Erdgeschoss die Filiale des Versandhaushandels Quelle, die noch bis zum 21. Jahrhundert bestand. Foto: C. Petersen

Der Elmshorner Eduard Koch gründet 1873 in der Norderstraße ein kleines Café, das seine Frau Rebekka nach seinem frühen Tod 1878 weiter führt. Sie verlegt das Geschäft zunächst in die Königstraße 16 (heute „Vodafone“) und baut 1892 auf dem Grundstück Königstraße 20 ein dreigeschossiges Haus mit Café und Konditorei im Erdgeschoss (heute „Spiele Max“). Das Ehepaar Koch hat zwei Söhne: Emil Koch, der 1901 die Elmshorner Nachrichten kauft, sowie Wilhelm Koch, der das Familienerbe in der Königstraße mit seiner Frau Anna übernimmt. Wilhelm Kochs Nachfolger wiederum wird später sein Neffe Uwe Koch, der bereits seit 1939 mit in der Geschäftsführung ist.

Die Konditorei macht sich mit Spezialitäten weit über die Stadtgrenzen hinaus einen Namen. Das Café wird zu einem der beliebtesten Treffpunkte Elmshorns und bleibt es auch für viele Jahrzehnte.

1943 wird das Gebäude aber beim Bombenangriff zerstört. Das Geschäft führt damals Edith Koch, weil ihr Mann Uwe zum Kriegsdienst eingezogen ist. Er kehrt 1946, dem Todesjahr seines Onkels, aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Café und Konditorei werden eingeschossig wieder aufgebaut. Uwe Koch richtet 1963 die bei seinen Gästen beliebte Friesenstube mit Wilhelm Petersens Gemälde „Die Friesin“ ein.

Die Kriegsschäden in der Königstraße sind 1948 noch deutlich erkennbar. Foto: StA Elmshorn

Der Konditormeister Koch, der nach elfjähriger Tätigkeit im In- und Ausland zunächst als Teilhaber im Geschäfts seines Onkels eingetreten war, ist das jüngstes Kind vom Verleger der Elmshorner Nachrichten, Emil Koch, und erhielt wohl deshalb von den Elmshornern den Spitznamen „Dr. Torte“. Der vermutliche Grund dafür: Sein Bruder Hartwig übernimmt das väterliche Verlagsgeschäft und ist  Verlagsleiter der Elmshorner Nachrichten von 1949 bis zu seinem frühen Tod 1953, und er trägt den Doktortitel der Philosophie.

Mit einer Anzeige in den Elmshorner Nachrichten bewirbt die Konditorei Koch am 4. August 1960 ihre Eisspezialitäten. Repro: C. Petersen

Allerdings erfreuen sich nicht nur Uwe Kochs Torten, sondern auch seine Eisspezialitäten in Elmshorn und Umgebung großer Beliebtheit. In den 1950er- und 1960er-Jahren ist der Andrang im Café Koch zeitweilig so groß, dass ein eigens angestellter Pförtner die vielen Gäste nur schubweise hereinlassen kann. Das Café Koch wird „die“ Adresse in der Elmshorner Innenstadt. Hier trifft man sich in gediegener Atmosphäre, um bei Kaffee, Kuchen oder auch kleinen Speisen, wichtige und weniger weittragende Themen zu besprechen.

Das Café Koch im April 1964. Foto: E.-G. Scholz

Uwe Koch stirbt 1971, seine Tochter Silke führt ein Jahr später gemeinsam mit ihrem Mann Werner Fleig den Betrieb in vierter Generation weiter. Die Baufälligkeit des Nachkriegsgebäudes zwingt die Eheleute, das Haus abzureißen. 1976 wird in nur neun Monaten ein viergeschossiger Neubau mit etwa 770 Quadratmetern Nutzfläche an derselben Stelle erstellt und am 1. März des Jahres eröffnet. Als Architekten zeichnen Thee & Kluwe für das Wohn- und Geschäftshaus verantwortlich. Das Café zieht in den ersten Stock. Es ist fortan über die 23 Stufen einer Außentreppe an der Ecke Königstraße/Ladenstraße zu erreichen. Im Erdgeschoss wird eine Filiale des Versandhauses Quelle eröffnet.

Bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 können die Elmshorner die Spiele auch im Fernsehen der Quelle-Filiale verfolgen. Über der Filiale ist das China-Restaurant „New Canton“ eingerichtet. Foto: C. Petersen
Das Gebäude Königstraße 20 heute: Im Erdgeschoss werden seit 2009 Spielwaren angeboten, seit 2019 vom Unternehmen „Spiele Max“. Im ersten Stock ist ein Fitness-Studio ansässig. Außerdem sind Büros und Wohnungen in dem Haus untergebracht, die über einen Eingang in der Ladenstraße zu erreichen sind. Foto: C. Petersen

Die Fleigs bieten zu jener Zeit auch vor ihrem Haus direkt auf der Königstraße Kaffee und Kuchen an und etablieren somit das wohl erste Straßencafé in der damals noch neuen Fußgängerzone. Dies kann aber Ende der 1970er-Jahre auf Dauer nicht den wachsenden Rückgang der Gäste im Café selbst ausgleichen. Deshalb schließen Silke und Werner Fleig in Absprache mit Seniorchefin Edith Koch das Café am 29. Juli 1980 für immer.

Im Anschluss übernimmt die Café-Räume der Chinese Tsang als Mieter. Er betreibt damals bereits im obersten Geschoß des Hauses Ecke Schulstraße/Peterstraße erfolgreich ein China-Restaurant. Das erste Stockwerk bleibt über viele Jahrzehnte ein China-Restaurant, später das „New Canton“. Vor wenigen Jahren zog in die Räume ein Fitness-Studio ein.

Im Erdgeschoss des Hauses bleibt die seit 1976 ansässige Quelle-Filiale mehr als 30 Jahre lang bestehen. Heute befindet sich dort seit dem Mai 2019 der Spielwarenanbieter „Spiele Max“ als Nachfolger einer Filiale des dänischen Unternehmens BR-Spielwaren, das Ende 2009 die ehemaligen Räume von Quelle übernommen hatte.

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