13

Das Haus mit dem Blitz

1906 befand sich auf dem Grundstück Königstraße 13 noch keine Bebauung. Auch die spätere Berliner Straße existierte nur als sogenannte Stummelstraße, 1906. Foto: Sammlung IME

Jahrzehnte wurde die Hausfassade des viergeschossigen Eckgebäudes an der Königstraße/Berliner Straße geziert von einem Blitz. Dieses Sinnbild der Elektrizität wurde ergänzt mit dem Schriftzug: Elektro Meyn. Bereits 1911 eröffneten hier die Brüder Hermann (Elektro-Ingenieur) und Johann Meyn (Maschinenbau-Ingenieur) ein Groß- und Einzelhandelsgeschäft mit angegliederter Werkstatt. 1960 zogen die Werkstatt-, Büro- und Lagerräume in die Berliner Straße 18 (Ecke Schlossstraße) um. 1977 wurde das Familienunternehmen verkauft. Heute befindet sich in der Königstraße 13 unter anderem ein Friseursalon.

1908, in einer Zeit, in der die Elektrifizierung noch in den Kinderschuhen steckte, eröffnete Hermann Meyn (1884-1970) sein erstes Fachgeschäft für Elektroartikel in Neuendeich bei Uetersen. Einer seiner ersten Aufträge: Auf dem Hof seines Vaters Matthias, auf dem er gemeinsam mit seinen zehn Geschwistern aufwuchs, installierte er eine Stromerzeugungsanlage. Zwei Jahre später verlegte Meyn sein Geschäft nach Elmshorn in die Mühlenstraße 2.

Der junge Johann Meyn posiert im Fotostudio mit der Konstruktionstafel eines Dampfmaschinenzylinders, um 1905. Foto: Privatbesitz

Im Laufe der Jahre wurde das Stromnetz stetig erweitert, was zu einer Vielzahl an Aufträgen für Hermann Meyn führte. Schon kurze Zeit nach seiner Geschäftseröffnung in Elmshorn machte er sich auf die Suche nach erweiterten Geschäftsräumen. 1910 kaufte er gemeinsam mit seinem älteren Bruder Johann (1872-1962) das Grundstück der Königstraße 13, wo noch im selben Jahr der Neubau eines auffälligen Hauses mit Glockendach, Balkonen und Erkern aus Sandstein begann. Gemeinsam ließen die Brüder am 1. Januar 1911 die Firma „Gebrüder Meyn“ handelsgerichtlich eintragen. Im Erdgeschoss befanden sich Kontore und eine Verkaufsfläche, während die Kellerräume als Lager und Werkstatt genutzt wurden. Die Familien bewohnten die oberen Stockwerke des Hauses. 1920 wurde die Anlage um eine zum damaligen Zeitpunkt moderne Werkstatt mit Maschinen auf dem Hofgelände (heute Berliner Straße) ergänzt.

Gemeinsam führten die Schwägerinnen Bertha und Agnes Meyn das Ladengeschäft, während die Brüder für die technischen Arbeiten zuständig waren. Die Angebotspalette der Gebrüder Meyn reichte von Elektroinstallationen von Neu- und Großbauten sowie Industrieanlagen, über Schiffselektronik, dem Bau von Spezialschaltgeräten und Blitzschutzanlagen bis hin zu Schalttafelbau und Ankerwickelei für Elektromotoren. Sowohl Hermann als auch Johann Meyn meldeten unterschiedliche Patente an.

Vor Beginn des Zweiten Weltkriegs gehörten Schiffsinstallationen und die städtischen Industriebetriebe zu den größten Aufgabengebieten der Firma. Seit 1943 beschäftigten die Firma Elektro Meyn Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Die Arbeitskraft der Zwangsarbeitenden ließ den Betrieb aufrechterhalten, auch wenn die Angestellten zum Kriegsdienst eingezogen waren.

Bertha Meyn mit ihren Töchtern Lucie (Mitte) und Paula. Paula Meyn heiratete 1922 den Konditorei- und Cafébesitzer Friedrich-Wilhelm Schrader aus der Königstraße 6-8, 1910. Foto: Privatbesitz

Nachdem der Verkaufsumsatz seit 1948 wieder stieg, sorgten die Wirtschaftswunderzeit der 1950er Jahre für weiteren betrieblichen Aufschwung: Bis dahin vermietete Ladenflächen im Erdgeschoss wurden 1952 übernommen und in das Geschäft integriert. Weitere zwei Jahre später trat Hermanns Sohn Helmut Meyn als Teilhaber in das Geschäft ein und die Firma wurde in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt.

Das täglich Brot einer Vielzahl von Angestellten: Ausgeklügelte Elektrotechnik wie hier an einem Schaltkasten. Foto: P. Koopmann, StA Elmshorn

Der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung machte sich nicht nur in steigenden Auftragszahlen bemerkbar, sondern ging auch mit stadtbaulichen Erneuerungen einher: Die Berliner Straße wurde Ende der 1950er Jahre ausgebaut, womit die Geb. Meyn räumliche Einbußen hinnehmen mussten und Teile ihrer Werkstattgebäude verloren. Das Geschäft expandierte weiter und machte sich knappe 40 Jahre nach Firmengründung erneut auf die Suche nach einem Grundstück, welches mit der Berliner Straße 18 (Ecke Schlossstraße, beim Kranhaus) in unmittelbarer Nähe gefunden war. Innerhalb eines Jahres wurde das vorhandene Gebäude entsprechend den Anforderungen umgebaut, sodass im Frühjahr 1960 der Umzug „in die hellen und modernen Büroräume“ erfolgen konnte. Ein übersichtliches Materiallager sowie eine große Werkhalle konnten wenig später in Betrieb genommen werden. Das Verkaufsgeschäft mit Elektrowaren behielt seinen Sitz im Stammhaus der Firma.

Der Hof des Hauses Königstraße 13 wurde mittlerweile bebaut: „Elektro Meyn“ mit Blick in Richtung Berliner Straße, 1964. Foto: Privatbesitz
Der Haus der Familie Meyn Mitte der 1960er Jahre. Foto: Privatbesitz

Zu Beginn der 1960er Jahre beschäftigten die Geb. Meyn mehr als 70 Angestellte, darunter um die 20 Auszubildenden. Als Familienunternehmen lagen der Geschäftsleitung auch ihre Mitarbeiter*innen am Herzen, die seit 1958, ab acht Jahren Betriebszugehörigkeit, eine zusätzliche Altersversorgung erhielten. Bereits Ende der 1960er Jahre gehörten 140 Angestellte zu dem Betrieb.

7- Der Blitz war das Markenzeichen der Firma Elektro Meyn. Elmshorner Adressbuch von 1959, Sammlung IME
Der Schriftzug „Elektro Meyn“ war von der Holsten-, König- sowie der Berliner Straße zu lesen. Hier während der Sturmflut 1967. Foto: E.-G. Scholz.

Bis zu seinem Tod zu Beginn der 1970er Jahre lebte Hermann Meyn in seiner Wohnung über dem Geschäft. Den Verkauf der Firma Gebr. Meyn Elmshorn sowie des Geschäftes Elektro Meyn im Jahr 1977 erlebte er nicht mehr. Als Nachfolger übernahm das Elektrohaus Zentrum das Geschäft in der Königstraße 13, bevor es 1999 in die Reichenstraße umzog. Heute sind die Ladenzeilen des Eckgrundstücks wieder geteilt. In dem vorderen Teil befindet sich der Boost x Friseur, die hintere Ladenfläche steht derzeit leer (Stand Mai 2020).

Scroll to Top