Objekt des Monats Mai

Taubenuhr aus dem Jahr 1926

Belgiens Rekordtaube

Es handelt sich um eine Rekordsumme: 1,25 Millionen Euro wechselten nach einer Auktion im März dieses Jahres den Besitzer. Doch nicht etwa für eine Immobilie oder ein Designeroutfit, sondern für eine Taube. Brieftaube Armando ist allerdings auch kein gewöhnlicher Vogel. Er gilt als die beste Langstrecken-Brieftaube unserer Zeit und stammt aus dem Schlag eines der angesehensten Taubenzüchter Belgiens, dem Mutterland des Brieftaubensports. Zwei Bieter aus China lieferten sich bis zuletzt einen erbitterten Preiskampf, der die Summe letztendlich über die Millionenschwelle trieb. Während die Taubenzuchtvereine in Deutschland schwindende Mitgliederzahlen und Nachwuchsmangel beklagen, hat das Hobby der Brieftaubenzucht in China in den letzten Jahrzehnten überraschend Fahrt aufgenommen. Der chinesische Taubenzüchterverband verzeichnet inzwischen annähernd 400.000 Mitglieder und europäische Brieftauben haben sich dort längst zu teuren Prestigeobjekten entwickelt. Durch hohe Preisgelder und Wetteinsätze kann sich die Investition in besonders erfolgreiche Exemplare, ob für Wettflüge oder für die Zucht, als sehr lukrativ erweisen. Der hohe Einsatz verleitet aber auch zu Betrugsversuchen: Zuletzt wurden zwei chinesische Taubenbesitzer zu einer Gefängnisstrafe von je drei Jahren verurteilt, da sie ihre Vögel kurz nach dem Start eines Preisfluges im August 2018 in Schachtel verpackten und die 750 Kilometer lange Wettbewerbsstrecke mit einem Schnellzug zurücklegten.

Exakt und objektiv

In den Anfängen der organisierten Flugwettbewerbe erhielten Brieftauben zum Nachweis der Teilnahme an einem Preisflug einen Flügel-Stempel auf eine ihrer Handschwingen. Nach der Rückkehr im heimischen Schlag wurde der Vogel in einem Transportbehältnis zum Vereinsheim getragen und die Wegstrecke zum Vereinslokal mit Zeitgutschriften ausgeglichen, wobei die Anzahl der dabei zurückgelegten Schritte die Grundlage bildete. Diese Methode war natürlich recht ungenau und fehleranfällig.

Die Taubenuhr, auch Konstatieruhr genannt, wurde speziell entwickelt, um diese Problematik zu lösen. Die hier gezeigte Uhr stammt aus dem Jahr 1926 und wurde von der deutschen Firma Benzing hergestellt. Der Vorbesitzer war bereits mit 12 Jahren dem Vorbild seines Vaters gefolgt und 1951 in den Elmshorner Verein „Meteor“ eingetreten. Die Uhr hatte er sich als junger Mann gebraucht gekauft. Sie kam nur bei Preisflügen zum Einsatz. Im April beginnen Züchter zunächst mit den sogenannten Vortouren, in denen sich die Tauben nach der Winterpause über circa vier Wochen lang wieder einfliegen können. Die Gewöhnung erfolgt dabei schrittweise, jede Vortour ist einige Kilometer länger als die vorherige. Jetzt im Mai beginnt die Zeit der Preistouren, die Strecken zwischen 200 km bis maximal 600 km umfassen. In Sonderwettbewerben sind sogar Touren über 1300 km möglich.

Öffnet man den Deckel der Uhr lässt sich die runde Glasscheibe seitlich im Gehäuse herausnehmen. Mit Hilfe des Drehschlüssels lässt sich die dahinterliegende Uhr aufziehen und die kleinen Zeiger einstellen. Anhand einer Mutteruhr – einer Hauptuhr, die sich im Vereinslokal befindet – werden alle Uhren der Taubenzüchter vor dem Wettbewerb „abgeschlagen“. So wird für alle Teilnehmer eine synchronisierte Uhrzeit geschaffen, um später eventuell auftretende Abweichungen vergleichbar zu machen. Anschließend werden die Konstatieruhren an ihrem Verschluss verplombt, um Manipulationen auszuschließen.

Beringte Preisflugtaube

Alle Tauben sind mit einem Verbandsring gekennzeichnet, über den bei Wettkämpfen ein zusätzlicher Gummiring mit der Wettbewerbsnummer gezogen wird. Bei dem hier abgebildeten Ring handelt es sich um die Vereinsnummer 0541, dann in klein die 17 für den Jahrgang – also 2017 – gefolgt von der Fußringnummer der Taube, in diesem Fall 719. Die Farben der Ringe wechseln jährlich. Beim Start eines Wettbewerbs wird die Nummer in eine Liste eingetragen, so dass der jeweilige Halter der Taube ermittelt werden kann, falls sie sich während des Preisfliegens verirrt oder unterwegs verletzt wird und den Rückweg nicht mehr alleine bewältigen kann.

Die Tauben werden von ihren Besitzern zunächst zum Vereinslokal gebracht und dann gesammelt in einem Transportwagen zum Startort gefahren. Von dort aus werden sie aufgelassen und jede Taube fliegt in ihren heimischen Taubenstall zurück. Dort angekommen wird vom Züchter gegriffen und der Gummiring abgenommen. Dieser Ring kommt in eine Hülse, die wiederum in eines der beiden oben sichtbaren Löcher gesteckt wird. Manche Konstatieruhren erfassen nur eine Uhrzeit, diese Taubenuhr bietet Platz für insgesamt dreißig Ringe. Nach dem Einstecken einer einzelnen Hülse wird der Schlüssel oben genau einmal umgedreht. Im Inneren der Uhr wird dadurch die Uhrzeit zusammen mit der jeweiligen Nummer des neuen Ankömmlings auf den innenliegenden Papierstreifen geritzt und das Rad mit den Vertiefungen für die Hülsen bewegt sich eine Position weiter.

Sind alle Tauben zurückgekehrt, bringt der Taubenzüchter die Uhr zum Vereinshaus, wo eine Richterjury die Verplombung öffnet und die auf dem Papierstreifen festgehaltenen Uhrzeiten zur jeweiligen Taubennummer auf der Liste eintragen. Die Konstatieruhren werden erneut anhand der Uhrzeit der Mutteruhr abgeschlagen, um eine mögliche Differenz zwischen Normalzeit der Mutteruhr und der jeweiligen Konstatieruhr zu ermitteln und diese Abweichung in das Ergebnis des Wettflugs einzuberechnen. So können die Siegertauben exakt und unbestechlich ermittelt werden.
Obwohl diese Methode schon deutlich genauer war als das Abschätzen der Strecke zwischen Heimatstall und Vereinshaus, bringt auch diese Erfassungsmethode einige Nachteile mit sich. So ist die von der Uhr erfasste Zeit der Moment des Umdrehens des Schlüssels, nicht die der Ankunft der Taube. Sträubt sich diese gegen das Abnehmen des Gummirings, gehen dem Züchter eventuell wertvolle Sekunden verloren. Heutzutage werden alle Tauben mit einem elektronischen Fußring ausgestattet, der bereits beim Eintreffen im Taubenschlag den exakten Zeitpunkt der Ankunft digital erfasst und ein händisches Entfernen des Rings überflüssig macht.

Taubenschlag

Unterschätztes Hobby

Die Taubenpost war nicht zuletzt in Kriegszeiten ein unersetzlicher Nachrichtendienst, denn Tauben sind wahre Meister der Langstreckennavigation. Zwar ist bekannt, dass das Magnetfeld der Erde und der Stand der Sonne dabei eine wichtige Rolle spielen, dennoch gibt der Orientierungssinn der Taube den Wissenschaftlern immer noch Rätsel auf. Inzwischen haben moderne technische Kommunikationsmittel die tierischen Luftboten verdrängt. Die Tradition lebt nur in den sportlichen Wettbewerben der Taubenzuchtvereine weiter, denen der Nachwuchsmangel jedoch schwer zu schaffen macht. Bei dem Verein „Elmshorn“, in dem auch der Vorbesitzer der Taubenuhr und einer seiner Söhne aktiv sind, handelt es sich bereits um eine Zusammenlegung mehrerer örtlicher Vereine. Das Hobby ist durch das tägliche Säubern und Füttern und die regelmäßigen Übungsflüge extrem zeitaufwändig und zudem recht kostenintensiv. Wie die rasant anwachsende Beliebtheit im Ausland jedoch zeigt, hat der Taubensport das Ende seiner Geschichte noch längst nicht erreicht.